Blogwichteln 2016 – mein Beitrag für Kinderohren ist online

blogwichtelbuttonFür das Blog Kinderohren von Daniela Dreuth durfte ich fürs diesjährige Blogwichteln ran – und hier finden Sie meinen Beitrag mit Vorlesetipps; alles Klassiker. Und ein paar Sachen werden Ihnen bekannt vorkommen ;-)

Scepter und Hammer, Die Juweleninsel – noch zwei Fortsetzungsromane von Karl May

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgWenngleich diese Romane eine ähnliche Mischung von Kitsch und Abenteuer aufweisen, wie die Münchmeyer-Romane, gehören sie eigentlich nicht in diese Reihe, denn sie erschienen in der Zeitschrift „Für alle Welt!“ in der Zeit von 1879-80, bzw. 1880-82. Neben den beiden Fortsetzungsromanen hat Karl May in dieser wöchentlich in Stuttgart erscheinenden Zeitung auch andere Texte veröffentlicht, insgesamt vier Jahre lang. Aufgrund der strukturellen Verwandtschaft zu den Münchmeyer-Romanen möchte ich diese beiden meiner Reihe anschließen.

Der Inhalt

In „Scepter und Hammer“ betreten wir zuerst norländischen Boden, lernen Doktor Max Brandauer, den Sohn des Hofschmieds, Prinzessin Asta von Süderland, den Prinzen von Raumburg und die Zigeunerin Zarba kennen. Die spricht dann eine Prophezeiung aus, in der die beiden Titelworte des Buches vorkommen. Max Brandauer erweist sich nicht nur als tüchtiger Schmied, sondern im Laufe der verwickelten Geschichte auch als Vertrauter des Königs von Norland, als geschickter Spion und talentierter Diplomat. Dass er tapfer und stark ist, bedarf keiner weiteren Erwähnung.

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Der Erkennungszeichen der Jesuiten

Die ersten neun Kapitel spielen in der Gegenwart von Max Brandauer. Es geht um die Auseinandersetzung zwischen den beiden Königreichen Norland und Süderland. Grund der Zwistigkeiten sind die Zollbarrieren. Der Vater des oben erwähnten Prinzen von Raumburg erweist sich als der Kopf hinter den diplomatischen Verwerfungen, denn als Vetter des kinderlosen Königs von Norland strebt er selbst nach der Krone und hofft, sie durch einen Putsch zu erlangen. Einer seiner Verbündeten ist ein Jesuit, der entgegen der Weisung des Königs, Jesuiten haben in seinem Lande nichts zu suchen, dort eifrig konspiriert. Um den Thronanspruch des Herzogs von Raumburg zu festigen, ist eine Eheschließung zwischen dessen Sohn, besagtem Prinzen, und der Prinzessin Asta vorgesehen.

Dieser Held Karl Mays, Max Brandauer, scheut sich nicht, seinem geliebten König unangenehme Wahrheiten zu sagen. Dieser Mann, der sich als Vater seines Volkes versteht, hat die alltägliche Regierungsgeschäfte in die Hände seines Cousins Raumburg gegeben, voll Vertrauen, das jedoch schwer getäuscht wird. Der Herzog von Raumburg neigt zu absolutistischem Gebaren und sieht die Untertanen nicht als “Kinder”, sondern als Untergebene.

Zarba, die Zigeunerin aus der ersten Szene erweist sich als Gegenspielerin des Herzogs. Es wird deutlich, dass sie früher seine Geliebte war; den gemeinsamen Sohn hat der Herzog aus dem Weg geräumt – er wird im Irrenhaus gefangen gehalten, wohin er auch die ehemalige Geliebte Zarba einliefern lässt, weil sie sich ihm entgegen stellt. Doch Max Brandauer entdeckt den geheimen Gang ins Schloss des Herzogs, den geheimnisvollen Versammlungsraum der Verschwörer in einer Schlossruine und kann den König davon überzeugen, dass sein Cousin gegen ihn arbeitet.

Das zehnte Kapitel ist überschrieben „Vor Jahren“ – also mal wieder ein Rückblick, wie üblich bei den Fortsetzungsromanen. Hier lernen wir Zarba als junges Mädchen kennen, die dem jungen Herzog von Raumburg verfällt und ihren Verlobten, den vorgeblichen Zigeuner Katombo fallen lässt. Nach dem Willen ihrer Mutter sollte sie eigentlich bei der Verführung des Herzogs selbst ungerührt bleiben, denn diese hatte einen Racheplan gegen das Haus Raumburg. Doch Zarba verliebte sich ernstlich in den attraktiven Mann; Katombo wurde gefangen gesetzt, konnte sich befreien und entfloh mithilfe des Schmieds Brandauer. Als nächstes begegnen wir ihm in Ägypten wieder, wo er sich als Angestellter eines großen Kaufherrn Ansehen und Zuneigung erworben hat. Auch eine neue Liebe hat er gefunden. In den folgenden Jahren steigt und fällt und steigt seine Karriere in extremem Maße. Als Kapudan-Pascha soll er nun das Königreich Süderland gegen Norland unterstützen.

Am Ende fällt der Krieg aus. Und Zarba hat einige Überraschungen in petto: Sie hat vor mehr als 20 Jahren neugeborene Kinder untereinander vertauscht, so dass nun Max Brandauer königlicher Prinz ist und Asta, seine große Liebe, heiraten kann. Katombo war schon von Zarbas Mutter entführt worden – er ist der ältere Bruder des Herzogs von Raumburg und kann nach dessen schmählichen Tod die Herzogswürde übernehmen.

Nebenhandlungen? Reichlich!

Allerdings sind diese eng mit der Hauptgeschichte verwoben. Der Verschwörung der Jesuiten und des Herzogs von Raumburg setzt sich in Süderland eine bürgerliche Bewegung entgegen, die den Krieg verhindern und eine Konstitution erlangen will. Urheber ist der vom „tollen Prinzen“ wegen eines Liebeshändels an Körper und Seele schwer verletzte Schriftsteller Karl Goldschmidt. Diese Bewegung kooperiert mit den Verbündeten Max‘.

Dann haben wir  – als komische Figuren, die bei May ja gern im Dreierpack auftreten – die Gesellen der Hofschmiede, jeder mit einer eigenen Macke, die sich alle um dieselbe Frau bewerben

Der Bruder Zarbas hat als zwangsweise zur See Geschickter den Bruder des Obergesellen in der Schmiede zum Freund gewonnen – sie tauchen auf, um hier und da eine helfende Hand zu leihen und Anspielungen für den Folgeband zu machen: eine geheimnisvolle Insel mit Schätzen, eine verloren gegangene Liebe.

So sah die Titelseite der Zeitschrift aus - 5. Jahrgang, wir sind mitten in "Die Juweleninsel"

So sah die Titelseite der Zeitschrift aus – 5. Jahrgang, wir sind mitten in “Die Juweleninsel”

Deshalb auf zur „Juweleninsel“. Dieses Mal beginnt die Handlung in Süderland, in einem Seebad, in dem wir die Familie des Generals Helbig kennenlernen: Ihn, seinen Diener Kunz, die drei unverheirateten Schwestern – zusammen mit Kunz überzogen komische Figuren -, seiner kleinen Tochter Magda, den Schifferjungen Kurt Schubert und den „tollen Prinzen“, der ihnen einen Streich spielen will, bei dem 14-järhigen Jungen aber auf Granit beißt. Am Ende zieht Kurt mit seiner Mutter zu General Helbig, an Kindes Statt angenommen und bereitet sich auf eine Laufbahn als Offizier vor. Den beiden Kindern – Kurt und Magda – begegnet Zarba, die Kurt als Sohn des Steuermanns Schubert identifiziert, der mit ihrem Bruder befreundet ist. Der tolle Prinz bekommt eine Strafe aufgebrummt, der brutale Stiefvater Kurts muss ins Gefängnis  und Kurt erfährt, dass er einen Vater hat, auf den ein Junge stolz sein kann.

Der „tolle Prinz“ ist schon ein ganz übler Kunde – er betreibt gewohnheitsmäßig Mädchenraub und zwar in seiner Burg Himmelstein, die mit zwei Klöstern – einmal Nonnen, einmal Mönche – oberhalb der Höllenschlucht thront. Das aktuelle Mädchen weigert sich standhaft, ihm nachzugeben. Es ist Toska von Mylungen. Der Neffe des Vogts von Himmelstein sieht Kurt zum Verwechseln ähnlich, ist aber ein Hallodri wie sein Onkel. Im Gefängnis gerät Kurts Stiefvater in ihm unverständliche Vorgänge, an deren Ende die im vorherigen Buch mühsam gefangenen Männer in Freiheit kommen. Dummerweise machen sie gerade dann Station auf dem Gut von General Helbig, als Kurt seinen Onkel, den ehemaligen Obergesellen des Hofschmieds zu Gast hat. Der erkennt die Halunken, Kurt setzt sie gefangen – der angehende Held ist klar.

Thugs and poisoners

Thugs oder Phansigars wurden von den britischen Behörden verfolgt – hier eine Gruppe gefangener Thugs

Dann macht die Handlung einen gewaltigen Satz – nach Indien, viele Jahre vor der bisherigen Handlung. Keine der dort agierenden Figuren ist uns zuvor begegnet. Wir erleben eine Geschichte von Freundschaft und Loyalität, der Verrat, Mord und Krieg entgegenstehen. Besonders faszinierend sind die Thugs oder Phansegars, die eine wichtige Rolle übernehmen. Am Ende der Geschichte ist klar, dass die zwei Hauptpersonen dieses Handlungsstrangs –  ein französischer Offizier und eine indische Prinzessin, die Begum – mit einem unermesslichen Schatz auf einer unbewohnten, unbekannten Insel stranden. Klingelt da was? Ja, der Bruder Zarbas hatte doch von einer solchen Insel gesprochen. Sie gibt dem Roman den Titel. Und sie kommt nicht weiter vor, denn das Kapitel, in dem nun der Schatz gehoben wird, fehlt … Dazu gleich mehr.

Die Zeit geht ins Land, aus Kindern werden junge Erwachsene. Kurt ist junger Offizier geworden und mit einem jungen Mylungen befreundet, der ihm erzählt, dass vor Jahren seine Schwester Toska verschwand, ebenso ein älterer Bruder. Der dritte der Brüder ist ausgewandert. Auf einer Wanderung erfährt Kurt von einem anderen geheimnisvoll verschwundenen Mädchen in der Nähe von Himmelstein – die Verlobte seines ehemaligen Lehrers. „Zufällig“ entdeckt er sie und kann sie befreien.

Jetzt geht’s über den großen Teich – in Amerika ist der Westmann Fred auf der Suche nach einem Mann; wir haben es mit Friedrich von Mylungen zu tun. Er sucht den ehemaligen Diener des verschwundenen Bruders. Letze Adresse: Amerika. Dabei trifft er auf den „Bowie-Pater“ , einem geheimnisvollen bartlosen Mann, der die Verhältnisse rund um den tollen Prinzen erstaunlich gut kennt und Fred unterstützt. Es handelt sich, wie Ricarroh, der Apachenhäuptling (Vorläufer von Winnetou), feststellt, um eine Frau. Ihretwegen geriet der Bruder Freds dem tollen Prinzen ins Gehege, bis hin zu einem Duell, wie es hieß. Nach dem Tod des Dieners, von dem sie vorher alle Informationen erlangen konnten, die er hatte, gehen Fred, der Bowie-Pater und Freds Freund Bill in Freds Heimat.

Inzwischen ist Kurt ein erfahrener Seeoffizier und will das Anwesen General Helbigs besuchen. Er ist ja nach einer Prophezeiung Zarbas vor vielen Jahren mit Magda, der Tochter, so gut wie verlobt ;-) Dort wurde inzwischen von einem Nachbarn der tolle Prinz eingeführt, der sich prompt Magda gegenüber zudringlich verhält. Aus Rache für die Abfuhr, die er von Vater und Tochter erfährt, lässt er von Kurts Stiefvater, der inzwischen aus dem Gefängnis entlassen wurde, das Schloss anzünden und entführt in dem Chaos das junge Mädchen. Nun machen sich alle an die Verfolgung – Kurt, der junge Mylungen, Fred, Miss Ella (ehemals Bowie-Pater) und Bill. Auch Zarba, inzwischen sehr alt und schwach, hilft noch mal mit – sie wird vom tollen Prinzen erschossen. Aber sie kann vorher noch geheime Wege schildern, um ins Schloss zu kommen. Die Frauen – Magda und Toska – und der verschwundene Bruder Mylungens werden befreit, der Prinz entkommt.

Als das neu erbaute Schloss von General Helbig nach zwei Jahren wieder aufgebaut ist, kommt alles zu einem guten Ende – und da hat dann auch König Max, ehemals Brandauer, seinen Auftritt.

Sind Sie jetzt erschöpft? Kann ich gut verstehen. Und dabei habe ich noch nicht einmal die Hälfte aller Verwicklungen geschildert.

Ausgaben

Brooches and gems

Mit einigen der Steine und Schmuckstücke aus dem Schatz der Begum war der Bruder Zarbas lange unterwegs, bis er dann – laut der Version des Karl-May-Verlags nur einen Teil – den Schatz heben konnte, um z. B. den Aufbau von Schloss Helbigsdorf zu finanzieren

Die beiden Romane sind zu Lebzeiten Mays nur das eine Mal in der Zeitschrift erschienen. Als Buch erschienen beide – als Beispiel „Die Juwelenisel“ – erst 1963.

Wie bei den Bearbeitungen des Karl-May-Verlags üblich, wurden beide Romane in eine chronologische Ordnung gebracht, so dass „Zepter und Hammer“ (!) mit der Geschichte Katombos und Zarbas als junges Paar beginnt, nur dass Zarba hier nicht Zarba heißt. Da es bereits eine Zarba in den Romanen um das “Waldröschen” gab, musste der Name geändert werden … Aber auch an anderen Figuren wurde gearbeitet: Es handelt sich nicht um ein Königreich Norland, sondern um ein Herzogtum – der verbrecherische Vetter wird darin zum Grafen degradiert. Und dann gibt es einen zweiten Bösewicht, der in „Die Juweleninsel“ eine entscheidende Rolle spielt. Und dann das fehlende Kapitel. Um die Lücke zu füllen, wurde die Geschichte aus Indien einfach weiter ausgesponnen und auch die Entdeckung der Juweleninsel und die Bergung des Schatzes ist wirklich spannend geraten. Als ich 1987 die historisch-kritische Ausgabe erhielt, war ich völlig entgeistert und habe diesen Teil schmerzlich vermisst. Das unsittliche Treiben des tollen Prinzen wurde rausgeschmissen, der Bowie-Pater erhielt ein neues Heim als Einzelerzählung in „Winnetou und der Schwarze Hirsch“ aus dem Bertelsmannverlag und in Band 84 der Gesammelten Werke im Karl-May-Verlag – hier sogar als Titelerzählung. Ansonsten gibt es beide Bände unter ihrem eigenen Titel im Karl-May-Verlag, die Bände 45 und 46. Auch online können Sie diese Bücher lesen: Reprint von „Scepter und Hammer“ und „Die Juweleninsel“ bei der Karl-May-Gesellschaft und im Projekt Gutenberg: „Scepter und Hammer“; „Die Juweleninsel“.

Persönlicher Eindruck

Beide Bände bieten Abenteuer und Humor in bewährter Manier. Was mich fasziniert, ist die ausgesprochen negative Schilderung katholischer Einrichtungen: Die Jesuiten in „Scepter und Hammer“ sind Strippenzieher mit Machtanspruch und Hinterlist. Die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Klöster nahe der Burg Himmelstein kann man nur als unmoralisch und verbrecherisch bezeichnen. Möglicherweise haben wir es hier mit einer Spätfolge des Kulturkampfes zu tun; eine ähnliche Konstellation habe ich auch bei E. Marlitt „Die zweite Frau“ gefunden – der lüsterne Priester …

Die Juweleninsel“ finden Sie auch  in der Stadtbibliothek Köln

Gedicht zum Tag – Wenn’ s Winter wird von Christian Morgenstern

Wenn’ rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x15011111111111111.jpgs Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher – titscher – titscher – dirrrrr …
Heißa, du lustiger Kieselstein!
Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen –
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.

Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wieder holen.

Christian Morgenstern

Gedicht zum Tag – Dezemberlied von Franz Grillparzer

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Harter Winter, streng und rauch,
Winter, sei willkommen!
Nimmst du viel, so gibst du auch,
Das heißt nichts genommen!

Zwar am Äußern übst du Raub,
Zier scheint dir geringe,
Eis dein Schmuck, und fallend Laub
Deine Schmetterlinge,

Rabe deine Nachtigall,
Schnee dein Blütenstäuben,
Deine Blumen, traurig all
Auf gefrornen Scheiben.

Doch der Raub der Formenwelt
Kleidet das Gemüte,
Wenn die äußere zerfällt,
Treibt das Innere Blüte.

Die Gedanken, die der Mai
Locket in die Weite,
Flattern heimwärts kältescheu
Zu der Feuerseite.

Sammlung, jene Götterbraut,
Mutter alles Großen,
Steigt herab auf deinen Laut,
Segenübergossen.

Und der Busen fühlt ihr Wehn,
Hebt sich ihr entgegen,
Lässt in Keim und Knospen sehn,
Was sonst wüst gelegen.

Wer denn heißt dich Würger nur?
Du flichst Lebenskränze,
Und die Winter der Natur
Sind der Geister Lenze!

Franz Grillparzer

Bühlerhöhe von Brigitte Glaser

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgDieses Buch ist auf Empfehlung meiner Buchhändlerin mein erster Kontakt mit der Autorin Brigitte Glaser (ich hab mir das Krimi-Lesen ein bisschen abgewöhnt …) und ich habe Freude dran gehabt. Es ist eine gute Mischung aus Krimi, Spionage-Geschichte und Gesellschaftsbild.

Gerade die Erinnerungen der drei Frauen im Mittelpunkt der Geschichte:

  • Rosa, aus Deutschland nach Palästina geflohen, die gesamte Familie bis auf die Schwester in der Nazi-Barbarei verloren und nun überzeugte Israelin
  • Sophie Reisacher aus Straßburg, die einen Nazi geheiratet hat und nun als Hausdame des Hotels Bühlerhöhe nach Höherem strebt, wieder erhobenen Hauptes durch ihre Heimatstadt gehen will
  • Agnes, die Buchhalterin aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen, fromm und mit, wie wir sagen würden, einer posttraumatischen Belastungsstörung

Die Lebensgeschichten der drei bieten eine recht breite Palette an Erfahrungen mit der Nazi- und Nachkriegszeit – Verlust der Heimat, der Familie, Gewalterfahrungen und die Position als Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft. Wie kommt eine Frau wieder auf die Füße, die solches erlebt hat? Alle drei – und noch mindestens die Schwestern von Rosa und Agnes – bieten da sehr unterschiedliche Antworten.

Bühlerhöhe

Schon ein prächtiges Hotel – nicht umsonst heißt es “Schlosshotel”. Ichneumon, Bühlerhöhe, CC BY-SA 3.0

Worum es in der Handlung geht? Adenauer will im Schwarzwald  Urlaub machen, im Hotel Bühlerhöhe. Und er will ein Wiedergutmachungsgesetz durchsetzen,  das in der deutschen Nachkriegsgesellschaft ablehnt wird, aber auch in zionistischen Kreisen nicht gern gesehen wird. Deshalb muss Rosa aus ihrem Kibbuz Omarim in den Schwarzwald reisen – sie hat als Kind in der Gegend Urlaub gemacht, kennt Sprache, Umgebung und bürgerliche Umgangsformen. An ihrer Seite soll ein erfahrener Agent alles Nötige regeln – sie soll „nur“ den passenden Hintergrund bilden und Hintergrundinformationen liefern. Doch der Agent kommt erst mal nicht – Rosa, die unerfahrene Agentin ist auf sich gestellt. Von Sophie Reisacher, der Hausdame des Hotels wird sie misstrauisch beobachtet – mit der angeblich so vornehmen Frau Goldmann stimmt doch was nicht, man sehe sich nur die Bäuerinnenhände an … Agnes, die im benachbarten Hotel Hundseck arbeitet, entdeckt unter den Hotelgästen einen sehr unliebsamen alten „Bekannten“ und gerät in Panik. Von den deutschen Sicherheitsbehörden genau wie vom Geheimdienst Israels wird ein Attentat auf den Kanzler vermutet, allerdings aus unterschiedlichen „Richtungen“ – von den einen aus der linken, von den anderen aus der zionistischen Ecke. Rosa und ihr Partner sind dem Sicherheitschef des Kanzlers angemeldet; er hält die Anwesenheit der beiden – anfangs nur Rosas – für völlig überzogen.

Ehrlich gesagt, hatte ich den Knackpunkt der Spannungshandlung (also, wer ist der „Bösewicht“ im Sinne der Aufgabe von Rosa?) relativ schnell entdeckt – da hat mir Brigitte Glaser keine große Überraschung mit ihrem Showdown geboten. Aber das Drumrum, die Erfahrungen der Menschen in den 40er und 50er Jahren und wie man mit denen der Nazizeit in der Nachkriegszeit zurechtkommt – oder eben auch nicht -, das fand ich spannend und bin der Geschichte gern gefolgt. Dass Konrad Adenauer hier nur als Staffage dient, ist weiter nicht überraschend – sein Gesetz gibt ja nur den Anlass für eine Handlung, deren Schwerpunkt für mich in der Verfechtung unterschieldicher Erfahrungen in den Jahren des Grauens und des beginnenden Wiederaufbaus liegt.

Brigitte Glaser: Bühlerhöhe, List Verlag, Berlin, 2016, ISBN: 9783471351260

Gedicht zum Tag – Lied im Advent von Matthias Claudius

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Immer ein Lichtlein mehr
im Kranz, den wir gewunden,
dass er leuchte uns sehr
durch die dunklen Stunden.

Zwei und drei und dann vier!
Rund um den Kranz welch ein Schimmer,
und so leuchten auch wir,
und so leuchtet das Zimmer.

Und so leuchtet die Welt
langsam der Weihnacht entgegen.
Und der in Händen sie hält,
weiß um den Segen !

Matthias Claudius

Der Zauberlehrling von Erich Kästner

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgGut, ich habe nie das Gesamtwerk von Erich Kästner bewusst durchforstet – so sei es mir nachgesehen, dass ich von den Texten, die der Atrium-Verlag in diesem Band herausgibt, nie etwas gehört, geschweigen denn gelesen habe. Umso mehr freue ich mich, dass ich die Texte nun kenne :-)

Es handelt sich um zwei Romanfragmente und einen Briefwechsel (eher ein “Briefwechselchen”) Kästners mit sich selber. Die Texte stammen aus den 30er Jahren, bzw. von 1940 – eine Zeit also, in der der vefolgte Autor nicht publiziern konnte.

Der früheste der drei Texte ist “Der Doppelgänger” – ein Romananfang im Gefolge des “Fabian” bzw. “Der Gang vor die Hunde”, der 1931 erschien. Ein Engel, der als Weinreisender auftritt, hindert die Hauptfigur am Selbstmord. Bei einem darauf folgenden Caféhausbesuch beobachtet dieser junge Mann – ein Schriftsteller, offensichtlich – seine Umgebung und mokiert sich über die Tatsache, dass er nur wenige Stunden nach seinem geplanten Tod Material für Roman und Essay sammelt. Der Engel kommt bei einem dort stattfindenden Selbstmord zu spät und beklagt den Personalmangel – offensichtlich wollens ich mehr Menschen ums Leben bringen, als es einsatzfähige Engel gibt. Neben der Leibesfülle ist ein Notizbuch des Engels Seibert markantestes Attribut. Anklänge an “Fabian” finden sich hier vor allem in den Beobachtungen Karls.

1936 begann Erich Kästner dann den Roman “Der Zauberlehrling” – Alfons Mintzlaff, seines Zeichens Kunsthistoriker, der für ein ruhiges Leben seine Professur aufgab, begegnet einem Mann, der sich Baron Lamotte nennt und Gedanken lesen kann. Die beiden führen im Laufe ihrer gemeinsamen Reise einige tiefschürfende Gespräche über das Leben; nach des Barons Ansicht  (dass er kein Baron ist, noch nicht einmal ein Mensch, muss hier nicht weiter ausgeführt werden) fügt sich Alfons Mintzlaff selber Schaden zu, weil er versucht, möglichst “oedentlich” zu leben – ohne große Gefühlsaufwallungen, ohne Lachen, ohne Weinen. Erich Kästner entwickelt das Drama einer sich selbst abhanden gekommenen Figur, ohne dramatisch zu werden. Sein Sprachwitz ist gewohnt pointiert:

Sie sind es (Professor, d. V.) bereits nicht mehr, weil Ihnen, fanden Sie eines Tages, mehr daran liegt, im eigenen Kopf Ordnung zu schaffen als in nicht immer hierzu bestimmten fremden Köpfen (S. 30)

Erich Kästner 1961

Der Autor im Alter von 62 Jahren Basch, […] / Opdracht Anefo (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erich_Kästner_1961.jpg), „Erich Kästner 1961“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Im Gegensatz zu dem Text mit dem Doppelgänger im Titel kommt hier tatsächlich eine “verdoppelte” Person vor: Ein anderer hat sich unter dem Namen Mintzlaffs in Davos einquartiert und soll einen Vortrag halten. Das Fragment endet mit dem Abend im Kurhaus – auch wenn es ein sauberer Abschnitt ist, bleibt spürbar, dass das Buch noch nicht zu Ende ist. Die Figuren sind jedoch beereits wesentlich deutlicher konturiert als bei dem älteren Text und es gibt eine spannende Geschichte.

Die Briefe am Ende des Bandes stammen vom März 1940 – ein halbes Jahr nach Kriegsausbruch macht Erich Kästner Erich Kästner Vorschläge, wie er besser leben könnte; das Thema, sich von anderen eher fernzuhalten, passt zur Geschichte von Alfons Mintzlaff – und ich finde, sie machen deutlich, warum Erich Kästner nach dem Krieg keine Romane mehr verfasst hat (oder hat er neben “Der kleine Mann”/”Der kleine Mann und die kleine Miss” und ich weiß mal wieder von nix?); sie wagen einen Blick – zugegebenermaßen einen literarisierten – ins Innere eines Menschen, der unter seiner Zeit leidet.

Es ist ein hübscher und lesenswerter kleiner Band.

Erich Kästner: Der Zauberlehrling, Atrium Verlag, Zürich, 2016, ISBN: 9783855353996

Stadtbibliothek Köln

  • In der Stadtbibliothek Köln gibt es ein Hörbuch mit den drei Texten, gelesen von Gerd Westphal und von 1998.
  • Die beiden Romanfragmente finden sich auch in den Gesammelten Werken (Band 2) von Erich Kästner

Blogwichteln 2016

BlogwichtelbuttonEs ist wieder so weit – im besten Netzwerk aller Zeiten wird gewichtelt, denn das Blogwichteln 2016 ist ausgerufen. Also, für jedes meiner Blogs – das hier und Profi-Wissen – bekomme ich von je einer Kollegin einen Beitrag geschenkt und ich wiederum beschenke zwei andere Kolleginnen mit Beiträgen. Bewährte Praxis in den letzten Jahren ;-):

  • geschenkter Beitrag 2013 hier
  • geschenkter Beitrag 2014 hier
  • geschenkter Beitrag 2015 hier

Erfreulicherweise darf ich dieses Jahr das Blog Kinderohren von Daniela Dreuth beglücken – hach, mal wieder Kinderbücher in die Hand nehmen, was Altes oder was Neues, das weiß ich noch nicht, bin selebr gespannt ;-) . Bis 15.1.2017 habe ich Zeit.

Hier bei der Leselust dürfen wir uns auf einen Text von Maria Al-Mana freuen, die ebenfalls zwei spannende Blogs betreibt: das Unruhewerk und die Texthandwerkerin. Ich bin gespannt, was da auf uns zukommt. Ich weiß jedenfalls, dass sich Maria Al-Mana über die per Los zugefallene Aufgabe freut; hat sie gesagt. Ich freu mich auch :-)

Blogwichteln als Ausbruch aus dem normalen Bloggen.

Blogwichteln als Ausbruch aus dem normalen Bloggen.

Ich bin jedes Jahr begeistert von der Aktion Blogwichteln, denn da der Texttreff ein großes Netzwerk ist, kann man gar nicht alle Blogs der Kolleginnen kennen – das Blogwichteln schafft da Abhilfe. und es gibt sehr sehr spannende Sachen zu entdecken. Sie können ja auf der Startseite des Textreff mal TT-Blog anklicken, dann kommen Sie hierhin - und links gibt es eine ganze Liste von Blogs, die von Texttreff-Frauen betrieben werden. Beeindruckend schon in der Zahl und sehr oft auch inhaltlich. Während der Aktion “Blogwichteln” werden hier auch häufig die einzelnen Beiträge gepostet – Sie können also die ganze Aktion verfolgen und sind nicht nur auf mein Mitlesen und Weitegeben angewiesen.

Viel Spaß!

Krieg von Janne Teller

rp_Bild-Jugendbücher-150x150.jpg„Krieg – Stell Dir vor, er wäre hier“ – und das Ganze in der Anmutung eines Passes, mit dem Verlagsnamen statt des Europasternenkreises. Janne Teller hat bereits 2001 (!!!) dieses kleine Buch verfasst – die Flüchtlingsdebatte drohte also bereits vor 15 Jahren europäische Grundwerte zu unterminieren. 2010 erschien dann die Version für Deutschland, die mir hier vorliegt. Ausgangssituation im Buch: Deutschland als das Land, das die europäische Solidargemeinschaft verlassen hat und deshalb mit Krieg überzogen wird, jahrelang.

Mit diesem Szenario beginnt das Büchlein: Kriegsalltag in Deutschland 2010 – Bomben, Leben in Ruinen, politische Verfolgung, alles, was wir aus Nachrichten kennen – nur hier mit umgekehrten Vorzeichen. Die Familie, die hier im Mittelpunkt steht, findet in Ägypten Zuflucht. Europäische Flüchtlinge sind hier gering geachtet, denn sie beherrschen nur Schreibtischtätigkeiten und zeigen wenig Integrationsbereitschaft. Asylverfahren dauern jahrelang und saugen den Migranten die Kraft aus den Knochen.

Arbeitsbesuch Libanon (8649414172)

So sähe das dann auch für deutsche Flüchtlinge aus – über Jahre. Österreichische Außenministerium, Arbeitsbesuch Libanon (8649414172), CC BY 2.0

Janne Teller schildert das, was wir bei Geflüchteten erleben einfach mal andersrum. Das Büchlein wendet sich nicht nur an Jugendliche – auch als Erwachsene habe ich da manches Oh-Erlebnis; wie sieht das aus, wenn die eigene Kultur und Prägung auf einmal als minderwertig betrachtet wird? Nur mal so als Beispiel. Als Kriegsenkelin aus einer Familie mit Fluchthintergrund kommen mir viele Sachen so verdammt vertraut vor. Diese rund 50 kleinen Seiten machen Kriegserfahrung als Kind, als Jugendliche erfahrbar, indem Janne Teller eben unsere normale Alltagssituationen ganz konkret in die Brüche gehen lässt.

Janne Teller: Krieg – Stell Dir vor, er wäre hier, übersetzt von Sigird C. Engler und Kai  Bergmann (Nachwort), illustriert von Helle Vibeke Jensen. Hanser Verlag, 2011, ISBN: 9783446235899

Die Besprechung gehört in die Reihe zur Golden-Backlist-Challenge2016 von Papiergeflüster

In der Staddtbibliothek gibt es “Krieg” als E-Hör-Buch.

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Der Weg zum Glück

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgIn der Zeit von Juli 1886 bis August 1888 erschien mit „Der Weg zum Glück“ der letzte der Münchmeyer-Romane von Karl May. Er stellt eine Art Denkmal für den kurz vor Beginn der Serie ertrunkenen bayerischen König Ludwig II dar. Neben dem immer wieder als Deo ex machina auftauchenden König ist die zentrale Figur schlechthin  der Wurzelsepp.

Der Inhalt

Die Geschichte beginnt ur-bayrisch auf einer Alp unter kräftigem Gesang und Gejodel: Der Wurzelsepp und seine Patentochter, die  Murenleni, musizieren miteinander. Nach dem Abschied des Alten muss sich die Leni gegenüber den Jager-Naz durchsetzen, der das hübsche Mädchen gern als seinen Schatz hätte. Wurzelsepp hingegen begegnet auf seinem Abstieg dem König, der in der Sennhütte übernachten will, um am nächsten Tag auf die Jagd zu gehen. Schon in diesen ersten Dialogen wird deutlich, wie hoch der Autor Frömmigkeit, Bescheidenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft stellt – und das gilt für alle Figuren, also auch für Ludwig II.

Wurzelsepp und Leni terffen sich - die groben Schnitte stammen aus der Erstausgabe

Wurzelsepp und Leni treffen sich – die groben Schnitte stammen aus der Erstausgabe

Der Krikelanton, ein bekannter Wilddieb, rettet in dieser Nacht nicht nur König Ludwig das Leben, sondern verspricht der Leni auch, sich der Polizei zu stellen und im Anschluss an seine Gefangenschaft ein ehrbares Leben zu beginnen. Er wird verfolgt, rettet sich auf halsbrecherische Weise über einen gefährlichen Grat, wird von einer verrückten Schriftstellerin über die Grenze ins Österreichische zu seinen Eltern gerettet, rettet dort seinerseits die Frau eines Musikprofessors aus den Bergen und stellt sich im Anschluss der Behörde. Inzwischen hat König Ludwig der Sennerin Leni unterbreitet, er möchte sie als Sängerin ausbilden lassen. Nach einigem Hin und Her entschließt sich Leni, das Angebot anzunehmen; vorher jedoch bittet sie den Krikelanton frei. Der nun ist von der Idee, dass das Mädchen, mit dem er sich so gut wie verheiratet sieht, zur Bühne gehen soll, überhaupt nicht einverstanden. In seinen Augen ist dies der erste Schritt in den moralischen Abgrund. Weiterlesen