Geniale Störung von Steve Silberman

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x150111.jpgWieder so ein Aha-Erlebnis: Steve Silberman geht in seiner Geschichte zum Autismus auch auf die unterschiedlichen Therapieansätze im 20. Jahrhundert ein, darunter auch dem, das Kind festzuhalten, anzuschauen und ihm zu sagen, wie man sich fühlt – so eine Szene gibt es auch in “Erst grau, dann weiß, dann blau” von Margriet de Moor und sie hat mich ziemlich irritiert. Das tut die Therapievorstellung, die dahinter steht auch, aber Steve Silberman bettet die verschiedenen Therapieformen in die Geschichte rund um Entdeckung und Erforschung des Autismus ein.

Aber der Reihe nach. Der Einstieg ins Buch ist mir nicht leicht gefallen, denn das Vowort von Oliver Sacks und die Einleitung vom Autor selber nehmen so viel Raum ein, dass ich mich echt überrollt fühlte – auch wenn es “nur” rund 20 Seiten sind, sind sie so voll Information, dass man meinen könnte, mehr könne im Buch auch nicht stehen. Tut es aber natürlich doch ;-) Es umfasst schließlich rund 500 Seiten.

Steve Silberman beginnt mit Henry Cavendish, einem verschrobenen Gelehrten des 18 Jahrhunderts. Seine festen Gewohnheiten, seine Menschenscheu, seine Gründlichkeit – klar, der Gedanke liegt nahe, wenn der in einem Buch über Autismus vorkommt, ist er ein Betroffener. Eindeutig nachweisen lässt sich das heute nicht mehr, aber die Indizien, die  Indizien. So wird auch mit anderen historischen Persönlichkeiten im Laufe des Buches verfahren. Die Argumente wirken dabei überzeugend – aus heutiger Sicht können viele dieser Leute tatsächlich als autistisch angesehen werden, das wird deutlich.

Steve Silberman schreibt sehr persönliche Geschichten – über die Autisten, die Forscher, die Familien. Und manchmal holt er etwas sehr weit aus. So habe ich die lange Ärzteodyssee einer der Familien im 2. Kapitel nur überflogen – das ging mir zu sehr ins Detail. Auch die Auslassungen Silbermans zur Nazi-Gesundheits-Doktrin oder zu den Funkern und Bastlern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lenken teilweise vom eigentlichen Thema ab, so spannend sie sind.

Cavendish Henry signature

Den Rock und die Spaziergänge von Henry Cavendish bilden den Auftakt zum Buch von Steve Silberman

Spannend ist auch die Entwicklung der Forschung. Zeitgleich und angeblich unabhängig voneinander haben Hans Asperger in Wien und Leo Kanner in den USA den Autismus “entdeckt”. Ihre Interpretationen über diese Störung gingen weit auseinander – da Asperger wegen der Nazi-Herrschaft nicht frei arbeiten konnte, seine Arbeiten erst ins Englische übersetzt werden mussten, ging man davon aus, dass Kanner die etwas optimistischere Einschätzung Aspergers nicht gekannt haben konnte; andererseits waren aber nach ihrer Emigration Georg Frankl und Anni Weiss an derselben Klinik wie Kanner tätig, arbeiteten definitiv mit ihm zusammen; beide haben zuvor mit Asperger zusammen gearbeitet.

Leo Kanner hat nach Ansicht Silbermans die Arbeiten Aspergers nie anerkannt. Er selber hatte eine hohe Popularität in den USA und äußerte seine Ansichten vor großem Publikum. So beeinflusste er das Bild des Autismus über lange Zeit – mit der Folge, dass die Forschung nicht wirklich voran kam, denn er ging davon aus, dass es sich um eine sehr seltene frühkindliche Störung handele, die heilbar sei und dass die Eltern der Kinder als Ursache anzusehen seien – “Kühlschrankmutter” ist so ein Begriff aus dem Zusammenhang. Erst viel später gingen Forscherinnen und Forscher neue Wege – bis dahin wo wir heute stehen: Autismus ist keine fest umrissene Störung oder gar Krankheit, sondern ein Anders-Sein.

Stever Silberman erzählt lebhaft und anschaulich, er nimmt mich als Leserin nicht nur in die Familien der Betroffenen mit, sondern auch in die Welt der Ärztinnen und Pfleger. Manche Passage hätte sicher kürzer ausfallen können, aber gut erzählte Geschichten sind was Feines. Was mich tatsächlich gestört hat, waren die Worterklärungen in Klammern hinter manchen Begriffen. Bei der Auflösung amerikanischer Kürzel wie APA usw. kann ich das ja noch nachvollziehen, aber die Häufung und auch die Qualität  – nee, das hat mich irritiert. Ich hab mich ein bisschen für dumm verkauft gefühlt. Das Mittel hätte das Lektorat sparsamer einsetzen sollen. Ansonsten: EIn tolles Buch zu einem spannenden Thema, gut lesbar, verständlich und erhellend.

Steve Silberman: Geniale Störung, übersetzt von Harald Stadler und Barbara Schaden, DuMont Buchverlag, Köln, 2016, ISBN: 9783832198459

Das Buch finden Sie auch in der Stadtbibliothek Köln: Geniale Störung

Gedicht zum Tag – Frühling ist wiedergekommen von Rainer Maria Rilke

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Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
viele, o viele…. Für die Beschwerde
langen Lernens bekommt sie den Preis.

Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
an dem Barte des alten Manns.
Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!

Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.

O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
schwierigen Stammen: sie singts, sie singts!

Rainer Maria Rilke
Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil

Love and Friendship von Jane Austen – deutsch

rp_Bild-Klassiker-300x19921-300x199.jpgHa – da hatte ich mich doch nicht getäuscht, als meine erste Assoziation zum Film „Love & Friendship” der Satz war: „Wir fielen abwechselnd auf dem Sofa in Ohnmacht.“ Er stammt nämlich nicht aus dem Buch „Lady Susan”, das die Vorlage für den Film abgibt, sondern aus den Jugendwerk „Love and Friendship“, auf Deutsch „Liebe und Freundschaft“, von Jane Austen.

Auch hierbei handelt es sich – angeblich – um einen Briefroman. Doch was ist das für ein Briefroman? Es gibt nur eine Schreiberin. Nur der allererste Brief stammt nicht von Laura; in ihm bittet Isabella ihre Freundin Laura ihrer Tochter Marianne aus ihrem Leben zu erzählen. Nachdem Laura diesem zweiten Brief dies zugesichert hat, folgen nun die Briefe Lauras an Marianne. Völlig von sich selbst überzeugt schildert Laura nun Ereignisse, die sich in ihrer Jugend zugetragen haben – was für eine Farce. Jane Austen überspitzt in diesen Briefen jedes romanhafte Klischee, dass in zeitgenössischen Romanen genutzt wurde:

  • das empfindsame junge Mädchen
  • der empfindsame junge Mann
  • Widerstand gegen elterliche Autorität in Ehedingen
  • aufopferungsbereite Freundschaft
  • unerwartetes Auftauchen reicher Verwandter
  • usw., usw.

Das empfindsame junge Mädchen in den Briefen war Laura in ihren jungen Jahren, doch außer, dass sie ihre Empfindsamkeit verbal betont, ist sie alles andere als empfindsam. Ähnlich wie Lady Susan handelt es sich um ein völlig egoistisches und amoralisches Geschöpf. Jane Austen setzt genussvoll alle oben genannten Elemente und noch einige mehr in so gehäufter Form ein, dass eine überstürzt hastige Abfolge unglaubwürdiger Ereignisse dazu führen, dass Laura als junge Witwe mit 400 £ pro Jahr in der Einsamkeit lebt.

Ein paar Kostproben gefällig?

  • Ein junger unbekannter Mann kommt auf der Flucht vor seinem Vater zufällig in das Haus von Lauras Familie; Liebe auf den ersten Blick zwischen den jungen Leuten und Eheschließung durch Lauras Vater, der zur Theologie studiert hat, doch nicht ordiniert war.
  • Das junge Paar reist – mit kurzer Station bei einer Tante des jungen Mannes – zu einem Freund, der ebenfalls ohne väterlichen Segen geheiratet hat. Zum Lebensunterhalt dienen ihm, seiner Frau und dem angereisten Pärchen die Geldscheine, die er aus dem Schreibtisch des Vaters entwendet hat.
  • Die Schulden des gastgebenden Pärchen sind so immens, dass der junge Mann in Schuldhaft genommen wird. Sein Freund reist ihm nach. Die beiden jungen Frauen machen sich auf den Weg nach Norden, um Verwandte zu besuchen. Zufällig begegnet Laura in einer Gaststätte ihrem Großvater, der auch der ihrer Freundin ist, mit der sie im Gasthaus abgestiegen ist. Außerdem tauchen zwei junge Cousins auf. Das Geld, dass der Großvater den vier jungen Leuten gab, entwenden die jungen Männer den jungen Frauen und verschwinden.
  • Der Verwandtschaftsbesuch erweist sich als nicht erfreulich, die jungen Frauen machen sich wieder auf den Weg, rasten an einem See und jammern. Ein vorbeifahrender Wagen verunglückt direkt neben ihnen. Die beiden darin befindlichen jungen Männer sind die Männer von Laura und ihrer Freundin, doch überleben sie das Unglück nicht.
  • Die Freundin hat sich verkühlt und verscheidet kurz darauf. Bei einer nächtlichen Kutschfahrt begegnet Laura lieben Verwandten – auch den beiden Cousins aus aus dem Gasthof –, erhält die Zusage für die 400 £ pro Jahr und damit ist die Geschichte aus.

Ähnlich wie Lady Susan ist Laura also völlig amoralisch – doch im Gegensatz zu dem längeren Werk setzt Jane Austen hier nur auf Parodie und Spaß.

Letter from Jane Austen to her sister Cassandra, 1799 June 11. Page 4 (NLA)

Brief von Jane Austen an ihre Schwester Cassandra, 11.6.1799, also nah an der Zeit ihrer Jugendwerke; besonders hübsch der Satz: “Dr. Gardiner was married yesterday to Mrs. Percy and her three daughters.”

Was ich allerdings nicht vertehe, ist die Betitelung des Films, der auf “Lady Susan” beruht, mit dem Titel des satirischen Frühwerks. Sollte mal jemand auf die Idee kommen, diese Parodie verfilmen zu wollen – welchen Titel nimmt man dann? Einen aus der vielen anderen Frühwerken von Jane Austen?

Ich habe diese Satire in meinem guten alten Reclambändchen “Jane Austen” von Christian Grawe – es handelt sich um eine frühere Version von “Darling Jane”. Und ich habe seit einiger Zeit die anderen Juvenilia von Jane Austen  – “Die schöne Cassandra” – hier liegen – ebenfalls von Christian Grawe übersetzt und herausgegeben – ich freu mich schon drauf.

Christian Grawe: Jane Austen. Mit einer Auswahl von Briefen, Dokumenten und nachgelassenen Werken, Reclam Verlag, Stuttgart, 1988, ISBN: 3150085063

Dieser Beitrag gehört in meine Reihe zum 200. Todestag von Jane Austen im Juli “Beloved Jane”

 

 

Darling Jane” gibt es in der Stadtbibliothek Köln.

Ebenso den Band mit den Frühwerken von Jane Austen: Die schöne Cassandra

 

Nächste Beiträge erst wieder ab 20.3.

So, hier ist jetzt mal zwei Wochen Sendepause. Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Winterschluss (Frühlingsanfang ist ja erst am 23.3., zumindest der kalendarische).

Franz von Assisi von Gunnar Decker

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001-300x200.jpgDer Name des Franz von Assisi ist ja seit der Namensübernahme durch Jorge Mario Bergoglio als Papst Franziskus wieder sehr im Gespräch. Dieser Heilige, der der Schöpfung ein Lied sang, der die Krippe als Ort der Weihnachtsfeier erfand und der mit den Wundmalen Christi auf dem Leib gezeichnet war. Anders als einige eher “fromme” Biographien hat Gunnar Decker den Zeitgenossen Francesco in den Mittelpunkt seiner Schilderung getellt. Die Freude am Leben hat dieser Bettelmönch nicht verloren. Gunnar Decker bietet gleich am Anfang eine Erklärung dafür an, die Franziskus gerecht wird und ihn gleichzeitig als Kind seiner Zeit, seiner Familie und Gesellschaftsschicht kennzeichnet:

Nein, dieser Franz von Assisi ist kein Heiliger des zu Boden gerichteten Blicks, kein Meister der Selbstabtötung. Da spürt einer, dass er Sinne hat, die ihn das göttliche Wunder des Lebens erleben lassen – in seinem Wachstum und Blühen ebenso wie im Welken und Absterben. Mit Franz von Assisi bekommt die vita activa, wie sie bereits sein ruhelos Handel treibender Vater verkörpret, eine Seele. Sie hört damit nicht auf, vita activa zu sein, aber sie beginnt nach innen zu lauschen. (S. 37)

Dieser historisch eingeordnete Franziskus verliert vielleicht in manchen Facetten den so beliebten soften Touch, ist aber näher an mir als “normalem” Menschen dran. Auch mit solchen Sätzen holt Gunnar Decker ihn aus der heiligen Ecke raus:

Die Todesprophezeiung […] macht ihm Angst. […] Es kostet ihn alle Kraft, auch zu dem Unvermeidbaren Ja zu sagen. Denn er lebt gern, trotz aller Askese, trotz Buße für das gottferne Leben in seiner Jugend […] Mitten aus dem Leben heraus spricht er, nicht aus der Weltverneinung, sondern aus der Weltbejahung predigt er die Nachfolge Jesu. (S. 280)

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Das älteste Bild des Franz von Assisi, laut Wikipedia noch zu Lebzeiten entstandene, ein Fresko im Sacro Speco in Subiaco

Er ist ein Produkt seiner Zeit – in seiner Auflehnung und in seiner Vereinnahmung. Denn der Sozialrebell wollte es sich mit der Kirche nicht verderben – auch wenn er vieles an ihr kritisierte. So begann schon zu seinen Lebzeiten die Vereinnahmung seiner Lehren. Warum das so kam, ja kommen musste, schildert Gunnar Decker einerseits sehr kundig – quellen- und literaturkundig -, andererseits lebendig und nachvollziehbar.  Der Zwiespalt zwischen dem “franziskanischen Ideal” und der Ordnung einer großen Gruppe war bereits in seinem engsten Kreis ein Thema; viel mehr aber wurde nach seinem Tod das seiner Lehren verbreitet, was genehm war; die Radikalität seiner Abkehr von Reichtum und Bequemlichkeit mutierte so zu einer frommen Geschichte. Der Orden selbst entfernte  sich in vielen Bereichen zunehmend von diesem Ideal. Auch die Gründe dafür legt Gunnar Decker dar, beleuchtet nicht nur die Geschichte des Gründers, sondern auch die des Ordens in der späteren Zeit.

Gunnar Decker: Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben, Siedler Verlag, München, 2016, ISBN: 9783827500618

Lady Susan von Jane Austen

rp_Bild-Klassiker-300x19921.jpgLady Susan

Nachdem ich mit großem Vergnügen den Film “Love & Friendship” gesehen habe, der auf dem zu Lebzeiten nie publizierten Frühwerk – okay, da wird diskutiert, ob es nicht doch zur gleichen Zeit entstand wie “Die Watsons”, aber ich bleibe bei der Familientradition der Austens und betrachte es als Frühwerk – von Jane Austen beruht, habe ich den seit Jahren quasi vergessenen Band wieder aus dem Regal genommen – und mich wirklich köstlich amüsiert.

Dem Kassenbeleg nach habe das Buch vor mehr als 20 Jahren gekauft – die Form des Briefromans liebte ich damals noch nicht so wie heute und habe es deshalb bei meinen wiederholten Lektüren von Jane Austens Büchern immer “vergessen”.

Die Handlung ist kurz erzählt:

Lady Susan ist einiger Zeit Witwe, hat bei Freunden gewohnt und dort Unruhe in die Familie gebracht: SIe selber hat mehr als ein bisschen mit dem Hausherrn geflirtet, was dessen Frau missfiel. Für ihre Tochter hat sie den jungen Mann, der zuerst der Schwester des Hausherrn zugetan war, dieser abspenstig gemacht. Die Situation zwingt sie zu strategischem Rückzug und sie nistet sich bei der Familie ihres Schwagers ein. Mit dem diesen Besuch ankündigenden Brief beginnt der Roman. In den folgenden Briefen, die von verschiedenen Personen der Handlung verfasst werden, kann ich nun den Intrigen Lady Susans folgen – gegenüber ihrer Freundlin Alicia Johnson spricht sie völlig ungeniert über ihre Pläne und Hintergedanken. Ihre Schwägerin Catherine öffnet sich in ihren Briefen gegenüber ihrer Mutter und breitet dort ihre schlechte Meinung von Lady Susan aus. Da in den Briefen sehr viele Gespräche wiedergegeben werden, nehme ich auch Anteil an den stattgehabten Begegnungen der Personen; das empfinde ich durchaus als Mangel an´manchen Briefromanen, weil es tendeziell unwahrscheinlich wikrt, selbst in einer Zeit, da lange Briefe die einzige Kommunikationsform waren. Im Vergleich mit dem Film ist dann hübsch zu sehen, wie solche Partien quasi wortwörtlich übernommen werden konnten. Lady Susan schafft es, Catherines gegen sie voreingenommenen Bruder so für sich einzunehmen, dass er sich mit ihr verlobt. Ihre Tochter will dem unwillkommenen Freier, den die Mutter auf sie angesetzt hat, nur entkommen – flieht aus der Schule, kommt in den Haushalt ihrer Verwandten, wohin ihr der verschmähte Liebhaber folgt und ihre Mutter den jungen Schwager becirct.

Wie Lady Susan zu ihrer Tochter steht, macht diese Passage sehr schön deutlich:

… aber ich konnte es nicht vor mir selbst verantworten, Frederica zu einer Ehe zu zwingen, gegen die ihr Herz sich auflehnt, und anstatt eine harte Maßnahme anzuwenden, beabsichtige ich nur, es ihrer eigenen Wahl zu überlasssen, indem ich ihr das Leben so sauer wie möglich mache, bis sie ihn nimmt. (S. 21)

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Wenn man überlegt, wie Jane Austen gelebt hat, ist es schon faszinierend, was für Charaktere sie geschaffen hat.

Die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Figuren kommt durch die wechselnden Sichtweisen in den Briefen sehr schön zur Geltung – die einzige, die sich über Lady Susan keine Illusionen macht, ist Lady Susan selber.

Der Film ist eine durchaus gelungene Adaption des Stoffes – ich habe mich mit beiden gut amüsiert. Die amoralische Heldin dieses Romans ist eine Besonderheit bei Jane Austen. Da im Englischen “Schwager” und “Schwägerin” oft als “Brother” and “Sister”  – vollständig “in Law” – tituliert werden, nutzt auch die Übersetzerin Angelika Beck diese Formen, was manchmal zu Verwirrung führt, z. B. die Bezeichnung Charles Vernons als “Bruder” von Lady Susan – er ist der bruder ihres verstorbenen Mannes.

Ach noch eine Anmerkung zu “Frühwerk” – da ich von dieser Annahme ausgehen, gehe ich auch nicht mit Christian Grawe d’accord, dass es sich um ein unvollendetes Werk handele ;-) Ansonsten schätze ich Herrn und Frau Grawes Meinung wirklich sehr (wahrscheinlich hat er ja auch recht …).

Romanfragmente

In dem mir vorliegenden Band finden sich noch zwei Fragmente von Jane Austen: “Die Watsons” und “Sanditon”. Das erste Fragment deutet auf eine Romanidee hin, wie sie bei Jane Austen nicht ungewöhnlich ist: Hier trifft ein mittellose Pfarrersfamilie auf Menschen mit Reichtum und teilweise recht dünkelhaftem Benehmen. Die hübsche Emma Watson erregt das Interessen von ca. zweieinhalb Männern, die ihr gesellschaftlich überlegen sind – mehr wissen wir nicht. Christan Grawe stellt in seinem Buch “Darling Jane” Vermutungen darüber an, warum der Text Fragment blieb; der Tod von Jane Austens Vaters fiel in diese Zeit und wird deshalb häufig als Grund angenommen. Eine andere Erklärung ist der Grundton der Erzählung – zu viel Missgunst und Neid sind schon auf den wenigen Seiten angesammelt, um noch eine angenehme Lektüre zu ermöglichen. Vielleicht ist es ja auch die Kombination von beidem ;-)

Das zweite Fragment behandelt in eher satirischer Weise einige Personen, die in Sanditon, einem Ort an der See zusammenkommen – Mr. Parker will daraus einen modischen Kurort machen. In den vorliegenden Seiten des Romans ist Charlotte Heywood  so eine Art Beobachterin von außen. Und was sieht sie? Zum Beispiel den jungen Sir Edward, der folgendermaßen beschrieben wird:

Sir Edwards großer Ehrgeiz war es, unwiderstehlich zu sein. (S. 222)

Aber die einzige, bei der er ernste Absichten hatte, war Clara, und Clara war es, die er zu verführen gedachte – ihre Verführung war beschlossene Sache. Ihre ganzen Lebensumstände riefen danach. Sie war seine Rivalin in der Gunst Lady Derhams. Sie war jung, schön und abhängig. (S. 223)

Das Fragment bricht ab, als gerade das Tableau der Personen vollständig zu sein scheint – alle Geschwister Mr. Parkers sind eingetroffen.  Welche Verwicklungen Jane Austen für Charlotte, Edward, Clara und die anderen geplant hat, wissen wir nicht. Marie Dobbs hat 1974 eine Fortsetzung verfasst, in der sie diese Spannung aufzulösen bestrebt ist (ich habe sie nicht gelesen, das Buch kommt auf den SuB) – nach Ansicht einiger Rezensentinnen hat sie das gut hinbekommen.

Jane Austen. Lady Susan. Ein Roman in Briefen. Die Watsons, Sanditon Zwei Romanfragmente, übersetzt von Angelika Beck (Lady Susan) und Elizabeth Gilbert (Die Watsons, Sanditon), Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1989.

Wer Lust hat, “Lady Susan” im Original zu lesen, kann dies online tun, z. B. hier.

In der Stadtbibliothe Köln gibt es eine gedruckte Ausgabe aus dem Manesse-Verlag und als E-Book alle drei besprochenen Werke in einer Neuausgabe von Christian Grawe. Wer sich das Original vorlesen lassen will, kann dies ebenfalls in der Stadtbibliothek Köln tun  - Hörbuch.

Das ist der zweite Beitrag zu meiner kleinen Blogreihe zu Jane Austen, deren Todestag sich  im Juli zum 200. Mal jährt: “beloved Jane”. Auf Twitter bringe ich unter #janeaday jede Woche ein oder zwei Zitate aus dem gleichnamigen Buch.

Alte Bekannte – neue Liebschaften von Sybil G. Brinton

rp_Bild-historisches-300x1993.jpgDen Anfang ihres Buches hat Sybil G. Brinton , bzw. ihr Übersetzer Dominik Fehrmann, als ein Art Zitat gestaltet:

Man darf wohl sagen, dass nahezu alle glücklich verheirateten Paare eines gemeinsam haben: Sie alle wünschen, ihre jungen Freunde in ebenso glücklichen Ehen zu sehen. (S. 11)

Ergebnis dieses Wunsches ist eine zu Beginn des Buches bereits stattgefundene Verlobung, die sich aber als nicht so glückverheißend erweist, wie erhofft. Es geht um Geogiana Darcy und ihren Cousin Robert Fitzwilliam. Gegen den anfänglichen Wunsch ihres Manns Darcy, sorgt Elizabeth Darcy, geborene Bennet, dafür, dass die Verbindung wieder gelöst wird. Der Einstieg ist mir damit etwas schwer gefallen, weil ich natürlich “Death comes to Pemberley” im Kopf hatte, wo ebenfalls eine Verbindung der beiden Figuren im Raum steht. Nachdem diese Episode aber abgespielt war, konnte ich mich unbefangen an die weitere Lektüre begeben.

Statt nun Bruder und Schwägerin mit dem Cousin auf ihrer Reise nach Bath zu begleiten, darf Georgiana zu Jane und Charles Bingley, während die drei anderen eben nach Bath reisen, wohin die gebieterische Tante Lady Catherine de Bourgh sie beordert – ihre einzige Chance, ihnen was zu befehlen, denn Elizabeth hat sich streng dagegen verwahrt, dass die Tante nach eigenem Gutdünken in Pemberley auftaucht. Jedes Jahr ist dieses Treffen und jedes Jahr macht Lady Catherine neue Bekanntschaften; als Darcy, Fitzwilliam und Elizabeth dieses Mal kommen, hat sie gerade einen Narren an Mrs. Robert Ferrars und ihrer Schwester Miss Anne Steele gefressen. Bei einem musikalischen Abend tritt Miss Mary Crawford als Harfenistin in Erscheinung und bezaubert Robert Fitzwilliam. Andere Bekannte aus früheren Jahren sind Mr. und Mrs. Wentworth und Lord und Lady Portincale, letztere eine geborene Tilney. Für den ersten Aufruhr sorgt Mr. Yates mit seinen Kenntnissen zu Miss Mary Crawford – es kommt zum Eklat (kann man sich ja denken, wenn Lady Catherine de Bourgh mitspielt). Weiterlesen

Dornenjahre von Eva-Maria Bast

rp_Bild-historisches-300x1993-300x199.jpgHier nun bringt Eva-Maria Bast die Geschichten um Sophie, Johanna und Luise zu Ende. Und wie die Zeitläufte, in die sie ihre Protagonistinnen gesetzt hat, erwarten lassen, sind es nicht unbedingt Happy Endings für die einzelnen Frauen.

Nach einer Einführung in die bisher erzählten Geschichten beginnt Eva-Maria Bast mit einem emotionalen Schwergewicht: Eine Tochter findet nach rund 70 Jahren ihre Mutter wieder. Die Mutter ist Susanne, die Tochter Johannas und ihre Erzählungen geben nun Aufschluss über vieles, was in dieser weit´verzweigten Familie geschehen ist. Melissa und Mia haben sie in Paris gefunden.

Auch in diesem Teil der Familiengeschichte spielen außer- und voreheliche Liebesbeziehungen wieder ein große Rolle; vor allem, weil es sich um verbotene Beziehungen handelt: Juden und polnische Zwangsarbeiter als Partner deutscher Frauen sind unter der Nazi-Diktatur streng verboten. Um ihre Tochter und ihre Enkelin zu retten, verfällt die praktische Johanna auf eine Idee, die das Geschick dreier Generationen bestimmen wird: Das Baby, das da ankommen soll, soll als ihres gelten. Deshalb versöhnt sie sich mit Sebastian, ihrem Mann. Der gehört der Bekennenden Kirche an und arbeitet gegen die Nazis. Doch die Trennung von Mutter und Tochter _ also Susanna und Melassa – dauert länger als gedacht: erst 2014 gibt es das o. e. Treffen … Weiterlesen

Karl-May-E-Book zum Sonderpreis

rp_KarlMay_Redakteur_1875-230x300.jpgMein E-Book zu den Münchmeyer-Romanen von Karl May gibt es jetzt im Februar zum Sonderpreis: 1,99 € statt 3,99 €.

Der Anlass: Karl May hätte am 25. Februar 2017 seinen 175. Geburtstag   ;-)

Wer das Buch über den Buchhandel bestellen will, kann dies mit der ISBN tun: 9783961423354.

Auf phantastischen Pfaden von Thomas Le Blanc herausgegeben

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpg2016 sind im Karl-May-Verlag einige “phantastische” Bücher erschienen, zu denen auch diese von Thomas Le Blanc herausgegeben Anthologie zählt. 20 Autorinnen und Autoren haben Figuren Karl Mays in magische oder phantastische Szenarien gesetzt. Wollte Karl May heute faszinieren, müsste er Fantasy schreiben, da die von ihm beschriebene, damals unbekannte, unerreichbare Welt so bekannt geworden ist – Unbekanntes bieten nur noch Magie und Phantastik. Das ist die Grundannahme, die Thomas Le Blanc im Vorwort ausführt.

Karl May

Hm, ob ihm Fantasy gelegen hätte? Thomas Le Blanc und die anderen Autorinnen des Bandes meinen: Ja.

Nun bin ich ja eher die Wild-West-Geschichten-Leserin und deshalb froh, dass trotz des Reihennamens “Karl May magischer Orient” auch Indianer vertreten sind – die zweite Hälfte des Buches widmet sich Old Shatterhand & Co. Und gleich die erste Geschichte, die aufschlug, hat mich wirklich begeistert: Tanja Kinkel schildert in “Lehrmeister”, wie Klekhi-Petra zu den Apatschen kam. Weiterlesen