Heftromane schreiben und veröffentlichen von Anna Basener

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x15011.jpgNa, das war ja ein Spaß! Als Teeny in einer bayrischen Pension habe ich – aus Not, da alle Bücher schon ausgelesen waren – meine erste, bisher einzige und intensive Bekanntschaft mit Heftromanen gemacht – was anderes war nicht zu bekommen. Den  Titel des Buchs von Anna Basener fand ich interessant und habe mich reingeschmissen.

Was ich bekam, war erst mal eine Regelpoetik: So funktioniert ein Heftroman, Kategorie Liebe (also Arzt-, Heimat- und Fürstenroman):

  • A und B lernen sich kennen und verlieben sich
  • Es gibt ein Problem C
  • D hilft, das Problem zu überwinden
  • A und B kommen endgültig zusammen

Das Ganze dann bitte in rund 160000 Zeichen, beziehungsweise 90 Normseiten, chronologisch erzählt, immer mal wieder die Perspektive wechselnd, insgesamt in 20 bis 30 Abschnitte unterteilt und dann noch bitte beachten, dass gravierende Probleme in der heilen Welt nichts zu suchen haben.

Also im Grunde genau das, was man erwartet, wenn man “Heftroman” hört..

Anna Basener, die sich ihr Studium selbst mit Heftromanschreiben verdiente, beschränkt sich aber nicht darauf, solche theoretischen Schreibregeln auszustellen,, sondern wird in ihren Tipps sehr konkret:
So empfiehlt sie dringend, ein “Treatment” zu erstellen, in dem  – wesentlich kleinteiliger als im Exposé – die Handlung für jeden Abschnitt festgelegt wird und bringt ein Beispiel aus ihrem eigenen Wirken gleich mit rein: Am Ende des Buches finden sich Exposé, Treatment und ein Probekapitel aus einem ihrer Romane, den man sich dann auch gleich mit einem anderen ihrer Romane als PDF runterladen kann. Denn schließlich ist für eine Heftromanautorin nichts wichtiger, als das Genre zu kennen ;-)

Das Buch ist sehr praxisorientiert; es gibt Tipps für die Präsentation als neue Autorin bei einem Verlag und auch Zahlen zu Honoraren – da das Buch schon ein paar Jahre alt, können die wohl nur als Hausnummer dienen.

San Martin de Tor - Seres

Bergidylle pur – für den Heftroman gehören aber Bilder von jungen schönen Menschen in Tracht mit aufs Bild Noclador, San Martin de Tor – Seres, CC BY-SA 3.0

So weit, so unterhaltsam.

Kritische Punkte

Leider sind mir an dem Buch sehr viele Fehler aufgefallen, die die Lesbarkeit nicht erleichtern – “sie” und “Sie” mit allen Verwandten wirbeln regellos durcheinander. Anna Basener schreibt auch den Ratgeber nach dem Motto “Wiederholung festigt” – ein paar Schleifen weniger hätten dem Buch gut getan. Ich weiß nicht, wie es mit dem Lektorat im Autorenhaus-Verlag aussieht – da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben.

Und die Romane selber?

Ja, ich habe nicht nur die beiden von Anna Basener zur Verfügung gestellten Romane gelesen,, sondern mir selber auch welche gekauft – und dabei festgestellt, dass die Fehler in ihrem Ratgeberbuch denen entsprechen, die ich in den Romanen finden kann: jede Menge fehlende Kongruenz, sowohl grammatikalisch als auch inhaltlich, “sie” und “Sie” immer wieder mal falsch angewendet,dazu Rechtschreibfehler (“Stil” statt “Stiel”, wenn es um eine Blume geht …). Dazu dann eine wirklich einfache Sprache. Das muss man erst mal können (und das mein ich nicht ironisch! Einfach zu schreiben, ist nicht einfach! Oder haben Sie schon mal versucht, fast ohne Fremdwörter auszukommen? Nur maximal zweiteilige Sätze zu nutzen? Na eben.) Meine Lieblingslektüre werden solche Romänchen also auch mit fast 40 Jahren Abstand nicht. Aber Anna Basener hat mir eine Ahnung davon verschafft, was es braucht, um so was zu verfassen und das find ich interessant.

Anna Basener: Heftromane schreiben und veröffentlichen, Autorenhaus Verlag, Berlin, , ISBN:  9783866710740

PS: Ach ja, eine Sache, die mich persönlich immer wieder ärgert: In dem Zusammenhang werden gern E. Marlitt und H. Courths-Mahler in einen Topf geworfen – Anna Basener macht das auch an einer Stelle. Für mich sind die beiden Autorinnen nicht vergleichbar. Soll ich mal in einem eigenen Artikel darlegen, warum? Antworten gern in den Kommentar.

PPS: Übrigens spannend, was Anna Basener sonst so zu Heirat meint … (Ich habe übrigens nicht nur meinen Namen behalten, sondern ihn auch an meine Kinder weitergegeben ;-) )

Heute ist hier der 500. Beitrag erschienen

Doch, ich find schon, dass so ein 500. Beitrag eine Marke ist. Das war die Rezension heute Vormittag zu “Blutiges Zeitalter“; irgendwie passend, dass es sich um eine Sachbuch-Rezension handelt, denn die bilden ja schon so eine Art Schwerpunkt hier, nicht wahr?Sonnenblume

Am 1.5.2013 habe ich mit diesem Blog begonnen. Und laut Statistik habe ich  seitdem nicht nur jede Woche einen Beitrag veröffentlicht (das war die Voraussetzung für die Iron Buchblogger), sondern mehr als zwei, nämlich 2,994; also fast 3 ;-)

Als ich im Oktober 2013 den 100. Beitrag hatte, lag ich bei 4,347 Beiträgen pro Woche – die Frequenz hat sich also reduziert, ist aber immer noch nett. Oder was meinen Sie?

Ein großes Dankeschön geht an Sie, die Leserinnen und Leser meines Blogs – ohne Sie wäre das alles hier sinnlos. Danke fürs Lesen, fürs Kommentieren, fürs Mitmachen bei Verlosungen und anderen Aktionen – ich hoffe, Sie fühlen sich hier weiterhin wohl.

Deshalb ist neben der Feierei zum Beitrags-Jubiläum auch ein bisschen Nachdenken angesagt:
Wovon wünschen Sie sich hier mehr:

  • Rezensionen, ggf. bestimmter Sparten?
  • ausführliche Vorstellungen von alten Schätzchen?
  • Hinweise auf Veranstaltungen, Jubiläen, Preisverleihungen?
  • Lyrik?
  • Meinungs- oder Interpretationsbeiträge?

Ich behaupte nicht, dass ich alle Wünsche erfüllen kann, aber ich wüsste schon ganz gern, was Sie interessiert. Also geben Sie gern ein Statement in den Kommentaren ab – ich nehms mir auch zu Herzen.

Und jetzt geh ich erst mal eine Runde lesen.Luftballon

Ihre Heike Baller

PS: Was soll ich denn jetzt als Marke für den nächsten Jubel-Beitrag setzen? 750 oder gleich die 1000?

Blutiges Zeitalter von Lauro Martines

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x15011.jpgDamit man nicht ins Rätseln verfällt, welche Epoche Lauro Martines meint, .erscheint im Untertitel die Zeitspanne 1450-1700. „Europa im Krieg“ lautet dieser Untertitel. Gestatten Sie mir bitte eine Frage: Wissen Sie welche Kriege in diesen zweieinhalb Jahrhunderten stattfanden, möglichst noch in ganz Europa? Ich jedenfalls weiß das nicht.

Lauro Martines rückt dem Thema Krieg von verschiedenen Seiten zu Leibe. Schon im Vorwort wird deutlich, dass nicht die großen Schlachten und deren Schlachtenlenker im Zentrum stehen, sondern die Umstände und Entwicklungen, unter denen Kriege stattfanden. So war mir nicht bewusst, wie verbreitet fehlende Soldzahlungen waren – und welche Auswirkungen sie hatten. Wirtschaftliche, steuerrechtliche und andere Faktoren beeinflussten nicht nur das Kriegsgeschehen an sich, sondern waren auch maßgeblich bei der weiteren Entwicklungen von Staaten. Weiterlesen

Verlosung des Eagleton-Buchs abgeschlossen

Fifty-fifty standen die Chancen der Menschen, die sich an der Verlosung des Buchs von Terry  Eagleton “Literatur lesen” beteiligt hatten – zwei Exemplare vs. 4 Sätze zum Lesen ;-)

Und die zwei sinds geworden:

Martins vormittäglicher Einsatz am 16.7.2016

Martins vormittäglicher Einsatz am 16.7.2016

Martin hat die Zettel mit den Namen von Nessa Altura und Klaus Medeke gezogen. Herzlichen Glückwunsch!

Und vielen Dank auch an die anderen, die sich Gedanken zum Lesen gemacht haben!

 

 

 

Die Bücher machen sich auf den Weg, sobald ich die Postadressen habe

PS: Liebe Nessa, erkennst Du das Papier wieder? Ich meine, das hab ich mal von Dir bekommen ;-) Es tut bei meinen Verlosungen gute Dienste, wie Du siehst.

“Literatur lesen” von Terry Eagleton zu gewinnen

Letzte Woche habe ich das charmante Buch über Literatur von Terry Eagleton besprochen. Das Tolle ist jetzt, dass ich zwei Exemplare davon verlosen kann!

Wer sich für Literatur und ihre Bewertung interessiert, ist mit dem Band gut bedient – das können Literaturblogger oder Schülerinnen, Lehrer  oder sonstige Leseratten und Bücherwürmer sein. Zwei von Ihnen können ein Exemplar davon bekommen.

Wie es geht? So:

Glücksbär Martin bei der Arbeit

Glücksbär Martin bei der Arbeit

  • Bis zum 14.7.2016, 23:59 Uhr sollten Sie im Kommentarfeld einen Satz zum Lesen hinterlassen. Bitte geben Sie Ihre Mail-Adresse an, damit ich Sie im Falle eines Gewinns benachrichtigen kann (sie wird nicht veröffentlicht). Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Martin waltet dann am 15.7.2016 seines Amtes – und dann machen sich die beiden Bücher auf die Reise.

Es handelt sich in diesem Fall um ungelesene, verlagsfrische Exemplare :-).

Viel Glück!

Tod im Paradies von Alberto Dines

rp_Rubrik-Biographie-300x20011-300x200-300x2001.jpgNachdem ich den Film “Vor der Morgenröte” dank der Verlosung meiner Netzwerkkollegin Daniela Dreuth sogar auf Verleiherkosten sehen konnte, habe ich nach Jahren und Jahren noch mal die Biographie Zweigs von Alberto Dines zur Hand genommen. Der Schwerpunkt dieses brasilianischen Autors liegt ganz klar auf der Zeit Zweigs in und der Verbindung Zweigs zu Brasilien. Wie er in seinem Vorwort schreibt, wurde das Werk, das zum 100. Geburtstag Stefan Zweigs 1982 erstmals erschien, in Deutschland abgelehnt – was sollte so ein südamerikanischer Autor schon zu einem deutschen Autor zu sagen haben … Er hat eine Menge zu Stefan Zweig zu sagen und es ist sehr spannend.

Gleich zu Beginn macht Alberto Dines zwei Sachen deutlich:

  • Der Selbstmord Stefan Zweigs und seiner Frau Lotte beruht auf Missverständnissen, die mit der Einstellung Zweigs zu Brasilien zu tun haben – und mit dem Missverständnis dieser Beziehung zwischen dem am Ende 60-Jährigen und der zum selben Zeitpunkt noch nicht 34-Jährigen.
  • Und er befasst sich ausführlich mit Lotte.

Mit dem ersten Thema beginnt Alberto Dines sein Buch, denn er startet mit Zweigs erster Brasilienreise 1936.

Der förmliche Zweig würde niemals von seinen Gastgebern verlangen, anderen Intellektuellen und Künstlern vorgestellt zu werden. Er glaubte, sie  müssten die authentischsten Vertreter der einheimischen Intelligenz sein. Dies war einer seiner ersten Fehler, für die er bis zum Ende bezahlen sollte (S. 55)

Stefan Zweig Signature 1927

Stefan Zweigs Unterschrift


Alberto Dines beschreibt in diesem Absatz, die Diskrepanz zwischen dem Brasilien, dem Stefan Zweig sich schwärmerisch zuneigte, weil er die offensichtliche Farbigkeit der Bevölkerung für ein friedliches und gedeihliches Miteinander hielt, während er aufgrund der mangelnden Kontakte zu Journalisten, Autorinnen und Künstlern, die nicht mit der Regierung konform gingen, die Unterdrückung von Minderheiten nicht sehen konnte. Da Alberto Dines einige der Zeitzeugen noch selber befragen konnte, gibt es eine Menge ausführlicher Fußnoten, in denen Menschen zu Wort kommen, die ihm Rede und Antwort standen. (Zum Glück sind es Fuß- und nicht Endnoten!) Nur wenige Seiten nach dem Zitat eben kontrastiert er das Erleben Zweigs mit der Schilderung der Auslieferungen von jüdischen Intellektuellen nach Deutschland, in den Tod – Stefan Zweig nimmt die profaschistischen Strömungen im Land nicht wahr.

Die Beziehung zu Lotte beruht nach Albero Dines auf Mitleid – der Roman “Ungeduld des Herzens”, der zu der Zeit der jungen Ehe entstand, trägt als englischen Titel “Beware of pity”, was man mit “Vor Mitleid wird gewarnt” übersetzen kann und im Französischen heißt das Buch “La Pitié dangereuse” – “Das gefährliche Mitleid”; in der gelähmten jungen Frau des Romans sieht der Biograph ein Porträt der jungen Ehefrau. In einem Brief an Friderike, seine erste Frau, ist schon bald davon die Rede, dass er nicht mehr als Liebhaber anzusehen sei und schon ganz am Anfang seines Buchs weist Alberto Dines darauf hin, dass bei der ersten Reise nach Brasilien nicht Lotte, sondern Friderike die Adressatin seiner Briefe ist – Lotte sei in dem Moment komplett vergessen. Die Ansprüche, die Lotte als Nachfolgerin von Friderike an sich stellt, ihre Erkrankung, die dann in den Abschiedsbriefen an die Familie eine Rolle spielen wird – allen oft nur bruchstückhaften Informationen zu der jungen Frau geht Alberto Dines nach. In der Graphic Novel “Die letzen Tage von Stefan Zweig” drücken die Autoren die Verzweiflung aus, die Lotte wohl durchlitten hat – wissen tun wir es nicht. Nach den Indizien im Sterbezimmer und aus den Berichten nimmt Alberto Dines an, dass Lotte nach Stefan starb – erst als sie wusste, dass er tot war; ein bewusster Akt, erstmals in dieser Beziehung wäre sie frei gewesen, anders zu entscheiden als der so viel ältere Mann. Sie hat es nicht getan.

Das "offizielle" Foto des Ehepaars Stefan und Lotte zweig - Alberto Dines interpretiert in seiner Biographie die Körpersprache der beiden

Das  “offizielle” Foto des Ehepaars Stefan und Lotte Zweig – Alberto Dines interpretiert in seiner Biographie die Körpersprache der beiden

Alberto Dines spürt dem Charakter Zweigs nach – auf der einen Seite das Bedürfnis nach regem Austausch, auf der anderen das nach Zurückgezogenheit. Und der Hang zu Depressionen – Stefan Zweig spricht von seiner “schwarzen Leber” -, der schon früh sein Leben verdunkelt. Neben den politischen Missverständnissen in Hinblick auf Brasilien, die zu Anfeindungen und Ausgrenzung führten, sei ein weiteres Missverständnis ursächlich für den Freitod: Das von im selbst überschätzte Bedürfnis nach Zurückgezogenheit, das ihn in die Isolation von Petrópolis führt:

Er hat verkündet, dass er Einsamkeit bräuchte. nun ist er allein (…) Er wollte Herr seines Schicksal sein, es ist ihm gelungen – er hat nichts zu beklagen, eine schlimmere Strafe kann es nicht geben. (S. 504)

Alberto Dines kann mir als Brasilianer die politische Situation des Landes, in dem Stefan Zweig Zuflucht suchte, näher bringen – denn mal ehrlich: Was wissen Sie über die politischen Zustände von Brasilien zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs – oder auch heute? Ich weiß da wenig. Und von daher hat er eine Menge zu Stefan Zweig zu sagen.

Die vorliegende Ausgabe ist eine für den deutschen Markt erweiterte Ausgabe der dritten Auflage des Werks – Alberto Dines hat einige Quellen nur für dieses Lesepublikum mit hineingeholt. Es ist eine lesenswerte Biographie. Nicht nur wegen des Inhalts – auch sprachlich ist das Buch gelungen. Dass Alberto Dines Stefan Zweig als Grundschüler sogar selber gesehen hat und sein Vater ein signiertes Foto Zweigs gerahmt im Büro hängen hatte, sind die biographischen Details zum Biographen selber, die seine Faszination so nachvollziehbar machen.

Alberto Dines: Tod im Paradies. Die Tragödie des Stefan Zweig, übersetzt von Marlen Eckl, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Main, 2006, Lizenzausgabe für die Edition Büchergilde, 2006, ISBN: 9783936428643

Und da das Buch schon so bejahrt ist, gehört es in die Reihe der Rezensionen der Golden-Backlist-Challenge von Papiergeflüster.

Literatur lesen von Terry Eagleton

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x15011.jpg“Eine Einladung” lautet der Untertitel  – und das ist das Buch von Terry Eagleton tatsächlich. Mit einer Einschränkung für mich als deutsche Leserin: Es geht in erster Linie um englische Literatur. Konsequenterweise gibt es die relevanten Zitate also auch erst auf Englisch und dann auf Deutsch, denn sonst wären die Analysen nicht nachvollziehbar, wenn es um Rhythmus oder Klang geht.

 

Fünf Bereiche behandelt Terry Eagleton:

  • Eröffnungssätze
  • Figuren
  • Erzählweisen
  • Interpretationen
  • Werturteile

Eine durchaus einleuchtende Reihenfolge, wenngleich sie so stringent nicht durchzuhalten ist – behandelt er Eröffnungssätze, bleibt es nicht aus, dass er die Erzählweise oder ästhetische Werturteile mit  behandelt. Neben vielen Beispielen aus der Literatur serviert Terry Eagleton in lockerer Sprache auch seine Ansichten über Literatur, Literaturkritik (eins seiner Metiers) und eher gesellschaftliche oder “philosophische” Themen – gehört auch zu seinen Themen sonst so im Leben. Weiterlesen

Die Münchmeyer-Romane von Karl May – Das Waldröschen

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgUnter dem Titel „Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde“ veröffentlichte Karl May in den Jahren 1882-84 den ersten seiner Münchmeyer-Romane und das unter dem Pseudonym Capitain Ramon Diaz de la Escosura, denn da er schon einen Namen als Schriftsteller hatte, wollte er mit den Kolportageromanen lieber nicht in Verbindung gebracht werden. Dem zweiteiligen Titel folgte ein Untertitel: „Großer Enthüllungsroman über die Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft“ – damit war allen nur denkbaren Themen Tor und Tür geöffnet.

Faszinierend finde ich das „Waldröschen“ im Titel, denn man muss schon sehr gut acht geben, um die titelgebende Szene nicht zu überlesen. Doch der Reihe nach:

Der Inhalt

Der Roman beginnt mit der Reise des Arztes Karl Sternau zum Schloss Rodriganda in Spanien, wo er den erblindeten Grafen Emanuel de Rodriganda operieren soll. Initiatorin ist dessen Tochter Rosa, die Karl Sternau in Paris kennen und lieben gelernt hatte – ihrerseits unter der Vorspiegelung, sie sei die Zofe der Rosa de Rodriganda. Ursache ihres Hilferufs ist der Umstand, dass ihr Bruder zusammen mit dem Anwalt Gasparino Cortejo seinerseits eine Operation beim Grafen anberaumt hat. Rosa misstraut ihnen allen – zu Recht, wie der Lauf der folgenden verwickelten Handlung erweisen wird. Kurz gesagt: die Cortejos – Gasparino Cortejo in Rodriganda zusammen mit seiner Partnerin, der Stiftsdame Donna Clarissa, und dem vorgeblichen Sohn des Grafen, Don Alfonzo, der aber deren eigener Sohn ist und Pablo Cortejo, der in Mexiko im Dienst Ferdinando de Rodrigandas steht zusammen mit seiner Tochter Josefa – wollen die gräflichen Brüder Manuel und Ferdinando de Rodriganda um Leben und Besitz und Titel bringen. Die Cortejos schüren ihren Hass gegen die de Rodrigandas und scheuen weder getürkte Operationen noch Gifte noch den Einsatz des gewieften Piraten Landola. Die blinde Grafen Emanuel wird operiert, erkennt seinen vorgeblichen Sohn nicht, bekommt Gift, wird für tot erklärt, auch seine Tochter Rosa erhält das Gift, das wahnsinnig macht und beide werden verschleppt. Und gegen das alles stemmt sich erst mal Karl Sternau allein. Weiterlesen

Die Orangerie von Nike Mangold

rp_Bild-historisches-300x1993.jpgEine spannende Geschichte erzählt Nike Mangold in ihrem neuen Roman: Alma, ein Mädchen aus dem Gängeviertel in Hamburg, dem Armenquartier der Stadt, verdient sich Anfang des 20. Jahrhunderts, genauer gesagt 1905, ein bisschen Geld mit Zeichnungen, die sie auf Papierfetzen anfertigt. Eine ältere Frau fragt sie, ob sie auch Blumen zu zeichnen versteht und bietet ihr eine Arbeit. So kommt Alma nach Harvestehude, in ein kleines altes Haus, das sich neben den Villen der Nachbarschaft sehr bescheiden ausnimmt. Frau Brook bittet sie, ein ganzes Blatt mit der farbigen Zeichnung einer Orchideenblüte aus ihrer Orangerie zu versehen – mit solchen Bildern möchte sie Werbung für ihre Blumen machen, denn mit deren Verkauf verdient sie ihren Unterhalt.

In der folgenden Handlung kommen nun viele Stränge zusammen:

  • die Grundstücksspekulation im Gängeviertel
  • ein versuchter Erbschaftsbetrug
  • der Niedergang des Guanohandels und die Suche nach neuen Düngemethoden
  • die aufkommende Nudisten-Bewegung
  • der Genuss von Rauschmitteln in einer großen Hafenstadt
Haeckel Orchidae

Quasi zeitgenössisch zur Handlung ist dieses Orchideengemälde von 1904, das auch das Cover ziert.

Wie gesagt: eine spannende Geschichte. Doch sie hat einen Haken – für die rund 230 Seiten ist es einfach zu viel. Nike Mangold kann durchaus gut erzählen, doch bei der Fülle der Themen kommt die psychologische Zeichnung ihrer Figuren zu kurz. Um die Handlungen der Charaktere zu motivieren, greift sie deshalb auf schlichte Erklärsätze zurück, die mich jedoch nicht wirklich befriedigen.

Das Nike Mangold erzählen kann, beweist dieser Satz:

Im Gängeviertel gab es überall ein zu viel in einem zu wenig: zu viele Menschen oft zu wenig Raum, zu viel Lärm in zu wenig Luft, zu viele Sorgen bei zu wenig Hilfe. (S. 135)

Nike Mangold: Die Orangerie, epubli GmbH, Berlin, 2016, ISBN: 9783737572781

Das ist mal wieder ein Titel, den ich über  erhalten habe :-) Und bestellbar ist er hier.

PS: Gewisse Links gehören bei “Blogg dein Buch” einfach dazu, deshalb unterschieden sich diese Rezensionen ein bisschen vom Normalen meines Blogs.

Liturgie von links von Anselm Weyer

rp_Bild-Sachbücher-150x1501111111-150x15011-150x15011.jpgAls Dorothee Sölle, Fulbert Steffensky , Marie Veit und andere das politische Nachtgebet initiierten und durchführten, betete ich noch “Ich bin klein, mein Herz ist rein (meine Füße sind schmutzig, ist das nicht putzig?)”. An Anselm Weyer, den Autor des neu herausgekommenen Bändchens mit dem Untertitel “Dorothee Sölle und das Politische Nachtgebet in der Antoniterkirche” war noch gar nicht zu denken. Irgendwie war das immer “Geschichte” für mich. Doch in dem schmalen Buch wird diese Geschichte lebendig. Anselm Weyer schafft es, gerade auch den Weg hin zum politischen Nachtgebet lebendig nachzuzeichnen. Und bei vielen Sachen habe ich gedacht: Da hat sich in den 45 Jahren nicht viel verändert. Aber eben erst danach! Das politische Nachtgebet und die vielen Diskussionen und Auseinandersetzungen darum, was Kirche darf und soll und was in ihren Räumen geschieht, das hat damals viel in Bewegung versetzt, was unser Gottesdienstverständnis und unseren Umgang mit Zeit- und Streitfragen in der Kirche bis heute beeinflusst.

Antoniterkirche Köln - Innenraum (4349)

Wie die Fotos von Oswald Kettenebrger zeigen, war die Antoniterkirche bei den politischen Nachtgebeten überfüllt. © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Antoniterkirche Köln – Innenraum (4349), CC BY-SA 4.0

Auch und gerade durch diese Aktion. Dorothee Sölle und die anderen haben mit großem Engagement rund vier Jahre lang jeden Monat ein aktuelles Thema beackert – der Vietnamkrieg war dabei sicher das “populärste” und brennendste, aber auch die Situation von Strafgefangenen oder die Entwicklung des Städtebaus haben sie unter dem Aspekt linker Einstellungen und der Anforderungen des Evangeliums durchleuchtet.

Die Informationsbeschaffung war Ende der 60er Jahre ein großer Aufwand – da mussten nicht nur Zeitungen durchstöbert werden, auch Rundfunkskripte galt es zu lesen; an die heranzukommen, war nicht so leicht wie heute – kein Internet hielt Informationsteile bereit, Netzwerke zwischen Menschen liefen “analog”, per Brief und Telefon und  persönlichem Gespräch.

Schockiert hat mich, die ich ja  damit groß geworden bin, dass Dorothee Sölle eine wichtige Figur in der evangelischen Kirche darstelle, der Widerstand, der sich gegen diese Bewegung formiert hat, von oberster Ebene aus: vom Präses der evangelischen Kirche im Rheinland genauso wie vom Erzbischof von Köln. Die Auffassung, dass das Christentum eine eminent politische Angelegenheit sei, wurde von diesen nicht so geteilt. Anselm Weyer versucht, diese Position von der Geschichte der Kirchen in der Nazi-Zeit her zu erklären und es wird klar, dass da zwei Welten aufeinander prallten – eine Einigung konnte nicht erzielt werden, obwohl der Präses sich der Bekennenden Kirche verbunden fühlte.

Ein anderer Name aus meiner Jugendzeit, den ich in diesem Zusammenhang nicht unbedingt erwartet hätte, war der von Ulrike Meinhof. Sie hatte einige Jahre, bevor in Köln die Nachtgebete begannen, den 12. Evangelischen Kirchentag begleitet und sich fundiert mit dem Anspruch von Kirche als gesellschaftlich relevanter Mitspielerin auseinandergesetzt.

Insgesamt legt Anselm Weyer eine gut lesbare Einführung in die Geschichte des politischen Nachtgebets vor, illustriert mit Fotos von Chargesheimer und Oswald Kettenberger (von diesem fotografierenden Ordensbruder kannte ich sonst nur eher meditative Bilder). Besonders die Aufnahmen von Kettenberger von einem der überfüllten Nachtgebete lassen die Stimmung der damaligen Veranstaltungen in unsere Zeit schimmern.

Anselm Weyer: Liturgie von links. Dorothee Sölle und das Politische Nachtgebet in der Antoniterkirche, hrsg. für die Evangelische Gemeinde Köln von Markus Herzberg und Annette Scholl, Reihe “Lesezeichen”, Greven Verlag, Köln, 2016, ISBN: 9783774306707