Gedicht zum Tag: Winter von E. Marlitt

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Die Bäume glitzern rings im Eise,
Unheimlich lautlos rieselt Schnee.
Die weichen Flocken decken leise
Der Blumen letztes Todesweh.

Nur zwischen starren Zweigen hangen
Noch rote Beeren, frisch und licht,
Ein täuschend Leben! Rosenwangen
Auf einem Leichenangesicht.

Die gold’ne Sonne strahlt wie immer,
Doch wärmt sie nicht das öde Land.
An Menschenaugen mahnt ihr Schimmer,
Die falsch und treulos man erkannt.

E. Marlitt*

*Ja, ich weiß , dass es sich bei E. Marlitt um ein Pseudonym handelt – aber wer kennt schon die ehemalige Opersängerin und Hofdame Eugenie John?

Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage V

Karl MayDie komischen Figuren Mays waren mir immer sehr sympathisch, Ihnen auch?

Im Grunde gehören Sam und Halef auch dazu – vom Äußeren her, mit einer Sprachmarotte versehen, wenn ich mich nicht irre, hihihi und bei Halef kommt der religiöse Zwiespalt immer wieder zum Ausdruck mit seinem Satz „Ich werde dich bekehren, Du magst wollen oder nicht!“

Andere Vertreter sind Hobble Frank und Neger Bob, die kuriosen grau-karierten Engländer, die immer wieder auftauchen mit ihren Spleens oder – eher unbekannt – der Diener Hassan aus der Erzählung „Die Gum“, der den Spiritus aus dem Fässchen mit den Tierpräparaten säuft und meint, damit nicht gegen Mohammeds Gebot zu verstoßen. Nach ein paar gemeinsam erlebten Abenteuern heißt es von ihm:

Hassan

 Ich hatte Hassan wirklich als einen ausgezeichneten Führer kennen gelernt, ein Umstand, welcher mich mit seinem Mangel an Mut zur Genüge aussöhnte. Er kannte nicht nur die Wege genau, sondern verstand es, alle seine Vorkehrungsmaßregeln so zu treffen, daß wir bisher nicht den geringsten Schaden oder Mangel zu leiden hatten. Seine Anhänglichkeit an mich hatte sich nach und nach zu einer ganz erfreulichen Stärke entwickelt, und ich hätte ihm gern mein vollständiges Vertrauen geschenkt, wenn mir nicht eine außerordentliche, beängstigende Aufregung aufgefallen wäre, an welcher er seit einiger Zeit, und zwar nur des Morgens, zu leiden schien. Er saß dann auf seiner Matte, von welcher er nicht aufzubringen war, weinte und schluchzte, lach­te und jubelte in einem Atem, nannte sich bald einen Helden und bald eine Memme, bald einen guten Moslem und bald einen Ungehorsamen, der in die Tschehenna fah­ren müsse. Es war eine Art Wahnsinn, der ihn erfaßt haben mußte und dessen Ursache ich gar zu erfahren hätte.

Die Lösung folgt später:

Ein wunderlicher Anblick bot sich mir dar. Bei den abgeladenen Effekten saß näm­lich, mir den Rücken zukehrend, der lange Kubaschi von Ferkah en Nurab und hielt – mein Spiritusfäßchen an den Mund. Ich führte das sorgfältig in Bastmatten gehüllte Fäßchen bei mir, um in der konservierenden Flüssigkeit allerlei für meine Sammlun­gen bestimmtes Getier aufzubewahren. Es befanden sich in demselben außer den mannigfaltigsten Insekten und Würmern allerlei Amphibien, Vipern, Skorpione, Step­penmolche, Birketkröten, und jetzt saß Hassan, der wahre Moslem, da an der Erde und schlürfte die Sauce, in welcher diese Kreaturen schwammen, mit einem Behagen, als sei er über den Nektar des Olymps geraten. Zugleich bemerkte ich, daß dieser Op­fertrank nicht der erste sei, dem er sich hingab; denn er mußte das Fäßchen gewaltig heben, um noch einige Tropfen aus dem geöffneten Zapfenloche zu erhalten. Jetzt war ich mir mit einem Male über den Wahnsinn klar, an welchem er in jüngster Zeit zu leiden schien: es war nichts gewesen als – Betrunkenheit.

Die Diskussion, die folgt, macht die Araber ein bisschen lächerlich:

So sah Kara Ben Nemsi aus - das vermittelten die Postkarten, die Karl May im Kostüm zeigten

So sah Kara Ben Nemsi aus – das vermittelten die Postkarten, die Karl May im Kostüm zeigten

Die Moslemin, welche sich im stillen dem Genusse des Weines und der Spirituosen hingeben, benennen dieselben mit den verschiedensten Namen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Nach ihrer Logik ist der Wein nicht Wein, wenn er anders heißt.

»Ma-el-Zat, Wasser der Vorsehung? Wer hat dir den Namen des Getränkes genannt, welches sich in dem Gefäße befindet?«

»Ich kenne ihn, Sihdi. Als die Menschen einst traurig waren, ließ die Vorsehung eine Nuktha, einen Tropfen der Erheiterung, zur Erde fallen; er bewässerte das Land, und nun wuchsen allerlei Pflanzen hervor, deren Saft einen Teil der Nuktha enthält. Darum heißt solch ein Trank, der den Menschen fröhlich macht, Ma-el-Zat, Wasser der Vorsehung.«

»So sage ich dir, daß dies kein Ma-el-Zat, sondern Spiritus ist, der einen noch viel schlimmeren Geist hat, als der Wein, den du nicht trinken darfst.«

»Ich trinke keinen Wein und keinen Spiritus; ich habe die Nuktha-el-Zat genossen.«

»Aber auch diese ist dir verboten!«

»Du irrst, Sihdi; der Moslem darf sie trinken.«

»Hast du nicht gehört, daß der Prophet sagt: ‘Kullu muskirün haram, alles, was trunken macht, ist verboten.’«

Kara Ben Nemsi verlangt dann die Trunkenheitsprobe – das Aufsagen einer sprachlich vertrackten Sure:

»Du hast kein Recht, Sihdi, mir den Surat el kafirun abzuverlangen, denn du bist nicht ein Moslem, sondern ein Christ.«

»Du würdest ihn sagen, doch du vermagst es nicht. Du glaubst, ein Moslem dürfe einem Christen nicht gehorchen; warum bist du dann mein Diener geworden? Du hältst es für kein Verbrechen, das Ma-el-Zat zu trinken, aber daß du es mir gestohlen hast, kannst du nicht leugnen. Der Koran bestraft den Dieb, und auch du wirst deine Strafe haben!«

»Kannst du einen Rechtgläubigen bestrafen, Sihdi? Geh zum Kadi!«

»Ich brauche deinen Kadi nicht!«

Hassan war nur unser Führer, und da die Aufsicht über das Gepäck Sache des Staf­felsteiners war, so wußte der gute Kubaschi nicht, welchen Inhalt das Fäßchen außer dem Spiritus noch hatte. Ich nahm das Messer her. In wenigen Augenblicken waren die oberen Reifen zerschnitten und losgesprengt; ich schlug en Boden auf und hielt dem Menschenwürger nun das übelaussehende und noch übler riechende Gewürm unter die Nase.

»Hier hast du dein Ma-el-Zat, Hassan!«

Er spreizte die Beine aus, warf alle zehn Finger in die Luft und schnitt ein Gesicht, in welchem sich alle in dem Gefäße befindlichen Figuren wiederspiegelten.

»Bismillah, Sihdi, was habe ich da getrunken! Allah inhal el rhuschar, Allah ver­derbe dieses Faß; denn mir ist’s in meiner Gurgel, als hätte ich die ganze Dschehenna hinuntergeschluckt mit zehn Millionen von Geistern und Teufeln!«

May schwankt in seiner Darstellung der Angehörigen fremder Völker zwischen Vor­urteilen ihnen gegenüber – besonders bei manchen Völkern und Glaubensgemeinschaften – wie eben bei der Auslegung des Verbots berauschender Getränke und der Darstel­lung einzelner Figuren aus dieser Sphäre, die dann dem Klischee widersprechen. Er ist keineswegs durchgehend der Überzeugung, dass nun jeder Deutsche jedem Indianer oder jedem Orientalen oder sonstwem überlegen sei.

Sam und der Kantor Emeritus aus "Der Ölprinz"

Sam und der Kantor Emeritus aus “Der Ölprinz”

Wichtig ist ihm die Angemessenheit des Verhaltens – der deutsche Kantor Emeritus aus dem Ölprinz z. B. Ist geradezu eine gefährliche Figur – wenngleich vor allem komisch -, da er sich den Gegebenheiten einer gefahrvollen Reise nicht anzupassen gewillt ist. Ständig muss er gerettet werden … May spart nicht mit Kritik an ihm. Da sind die ungebildeten Westmänner in seiner Begleitung doch wesentlich positiver geschildert.

Hobble-Frank

Zu den Persönlichkeiten, die häufiger auftauchen, aber eher eine komische Rolle haben gehört Hobble Frank im Wilden Westen. Er wirkt nicht durch seine Ausstattung komisch, nein, – oder soll es zumindest nicht – oder doch? Urteilen Sie selbst:

Einen eigentümlichen Anblick bot sein Begleiter. Dieser war ein kleiner, schmächti­ger Mann, dessen Gesicht von einem dichten, schwarzen Vollbarte umrahmt war. Er trug indianische Schuhe und Lederhosen und dazu einen dunkelblauen Frack, welcher mit hohen Achselbuffen, Batten und blank geputzten Messingknöpfen versehen war. Dieses letztere Kleidungsstück stammte wohl aus dem ersten Viertel des gegenwärtigen Jahrhunderts. Damals wurde ja ein Tuch fabriziert, welches für eine Ewigkeit gemacht zu sein schien. Freilich war der Frack außerordentlich verschossen und an den Nähten fleißig mit Tinte aufgefärbt, aber es war noch kein einziges Löch­lein darin zu bemerken. Solchen alten Kleidungsstücken begegnet man im »far West« sehr oft. Dort geniert es keinen, ein altmodisches Habit zu tragen, denn bei den dorti­gen Verhältnissen gilt der Mann mehr als das Kleid.

Auf dem Kopfe trug der kleine Mann einen riesigen schwarzen Amazonenhut, den eine große, gelb gefärbte, unechte Straußenfeder schmückte. Dieses Prachtstück hatte jedenfalls vor Jahren irgend einer Lady des Ostens gehört und war dann durch ein launenhaftes Schicksal nach dem fernen Westen verschlagen worden. Da seine außer­ordentlich breite Krämpe sehr gut gegen Sonne und Regen schützte, so hatte sich der jetzige Besitzer gar keine Skrupel gemacht, ihm die gegenwärtige Bestimmung zu geben.

Die Kleidung wirkt natürlich komisch, auch wenn May ihre Zusammensetzung schlüssig zu erläutern scheint. Sie soll auch komisch wirken.

Aber das eigentlich komische Merkmal des Hobble-Frank ist anderer Natur.  Seine Einstellung zum Leben, seine Sprache (sächsisch …), seine missverstandene Gelehrtheit – und gerade die letztere hat die Funktion, den Ich-Erzähler als umfassend gebildeten und vernünftigen Menschen ins rechte Licht zu rücken. Auch andere Begleiter in der Gruppe können sich so in diesem Punkt positiv von Frank abheben wie hier z. B. der dicke Jemmy in „Der Sohn des Bärenjägers“:

„Und dort schwimmt nun mein Amazonenhut ganz brüderlich neben dem Ihrigen. Kastor und Phylax, wie’s in der Mythologie und ooch in der Schternenkunde heeßt. Es ist gradezu – – -«

»Kastor und Pollux heißt es!« fiel Jemmy ein.

»Sein Sie doch ganz schtille! Pollux! Ich habe als Forschtbeamter so viel mit Jagd­hunden zu thun gehabt, daß ich ganz genau weeß, ob es Pollux oder Phylax heeßt. Solche Verbesserungen verbitte ich mir. Die sind bei mir schlecht angebracht. Den­noch will ich das edle Brüderpaar herausfischen. Eegentlich sollt’ ich den Ihrigen drin lassen. Verdient haben Sie es nich an mir, daß ich mich Ihres Hutes wegen nun noch viel nasser mach’.«

Mays komische Elemente sind sehr oft sprachlicher Natur – Sams „Wenn ich mich nicht irre, hihihih“, das er sich im Laufe der Zeit aneignete (in Old Firehand hat er es noch nicht so penetrant …), Dick Hammerdulls „Doch, ob er vom Osten kommt oder vom Westen, das bleibt sich gleich; wenn er nur kommt, dann haben sie ihn“ oder die Sprachmarotten englischer Lords; so hat in den ersten Auftritten Lord Lindsays, des graukariert gekleideten Engländers, die Art, in unvollständigen Sätzen zu reden und dabei den Abenteueraspekt einer Sache zu loben, durchaus komischen Effekt:

 »Schön – ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen – Spuren finden – nachlaufen – tot­schießen – kapitales Vergnügen – bezahle gut, sehr gut!«

Die Anzahl solcher Sprachmarotten ist riesig in Karl Mays Werk – ein probates Stil­mittel, um Figuren unverwechselbar zu machen; ähnlich wie die ausgefallene Klei­dung.

Lord Lindsay, den ich eben zu Wort kommen ließ, macht im Laufe der Geschichten eine Entwicklung mit – nicht nur, dass er zunehmend in vollständigen Sätzen spricht; auch sein Verständnis von Amusement ändert sich, er wird mehr und mehr ein Freund, ein ernstzunehmender Reisegenosse.

Freundespaare

Hier sehen den dicken Jemmy und den langen Davy in "Der Sohn des Bärenjägers", gezeichnet von D. Douglas

Hier sehen den dicken Jemmy und den langen Davy in “Der Sohn des Bärenjägers”, gezeichnet von D. Douglas

Mit den Auftritten von Dick Hammerdull und dem dicken Jemmy eben bei den Sprachmarotten sind wir schon bei der letzten Gruppe angekommen: den paarwei­se auftretenden Gefährten.

In der Regel haben sie ein untergeordnete Rolle in der jeweiligen Reisegruppe – einzeln arbeitende Helden wie Old Surehand sind renom­mierter. Aber sie sorgen für Erheiterung, da sie komplementär angelegt sind. Der dicke Jemmy und der lange Davy, Humple-Bill und Uncle Gunstick, die zwei ver­kehrten Toasts und die beiden Snuffles, ein Brüderpaar, das mittels ausgeprägter Riechorgane zu diesem Namen kam.

Einer ist lang, der andere dick, einer redet gern und der andere schweigt. Sie haben meist festgelegte Dialogmuster, die, wie May erläutert, dem langen Zusammensein geschuldet sind, aber eigentlich in den Bereich der komischen Sprachmarotten gehören.

Sie sind tüchtige Westleute, um Mays Worte zu benutzen, wenngleich nicht überragend – das bleibt, wie sollte es anders sein, dem Ich-Erzähler vorbehalten. Hier treten Jemmy und Davy erstmals auf:

Sie waren von sehr verschiedener Körpergestalt. Weit über sechs Fuß hoch, war die Figur des einen fast beängstigend dürr, während der andere bedeutend kleiner, dabei aber so dick war, daß sein Leib beinahe die Gestalt einer Kugel angenommen hatte.

Es ist ein typischer Auftritt bei May – und erinnert er Sie nicht an wen? Don Qui­chotte und Sancho Pansa standen bei den beiden Partnern wohl auch Pate.

So eine Art Fazit

Gefährten von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi haben verschiedene Funktio­nen; in allererster Linie dienen sie der Bestätigung für die Überlegenheit des Ich-Er­zählers. Sie haben oft eine unterhaltsame Seite. Wenngleich sie dem Helden immer unterlegen sind – ohne sie wäre er nichts! Er braucht sie, um belehren, seine Fähig­keiten ausspielen und seine Kräfte beweisen  zu können. Ein einsamer und damit schweigsamer Held ist keine gute Figur für Spannungsgeschichten. Und deshalb ist weder Old Shatterhand noch Kara Ben Nemsi je länger  allein unterwegs. Übrigens erweisen sich viele der Gefährten in der weiten Welt als Deutsche, die das Schicksal in die Prairie oder in die Wüste getrieben hat – Hobble-Frank mit seinem Sächsisch ist da das markanteste Beispiel, aber auch bei den paarweise auftretenden Gefährten, ist manches Mal ein Deutscher dazwischen. Krüger-Bei führt seine Herkunft ja aschon im Namen vor sich her – einerseits auch er eine komische Figur, andererseits aber auch der Protagonist eines sozialen Aufstiegs. Diese vielen Deutschen in seinen Büchern beotnen den Aspekt, der Karl May offensichtlich sehr wichtig war – nicht nur sein Alter Ego ist überlegen, Deutsche im Allgemeinen zeigen mehr Mut, Standhaftigkeit und Ehrlichkeit als andere. Bis der Held selbst auftritt, sind diese Männer idR gut imstande, die angemessenen Reaktionen auf Gefahren zu zeigen. Aber kaum ist Old Shatterhand da, müssen sie ins zweite Glied und fangen an, Fehler zu machen …

Winnetou I-Film – ein paar Anmerkungen

Karl May

Ob er gerne Diplom-Ingenieur gewesen wäre?

Wie bereits gesagt: Ich bin keine besonders große Cineastin – Film als Medium liegt mir nicht so. Trotzdem habe ich jetzt mal in die Verfilmung der Winnetou-Geschichten von RTL reingeschaut.

Dass die Story so gut wie nichts mit dem Buch zu tun hat – geschenkt. Das war bei den Klassikern aus dern 60ern auch in vielen Teile so. Nicht so extrem, aber auch die waren nur an Karl Mays Geschichte angelehnt. Es gibt aber ein paar Sachen, die mich echt gestört haben:

  • In einem Gespräch mit Nscho-tschi sagt Karl May, er glaube nicht an Götter, sondern an die Vernunft. Das widerspricht Karl Mays Selbstdarstellung in allen seinen Büchern diametral (ob er nun tatsächlich so fromm war …? Immerhin hat er auch geistliche Musik geschrieben (ich hab davon 2012 mal was im Chor gesungen))
  • Die als gebrochen rüberkommende Sprechweise von Winnetou, Intschu-tschuna und Nscho-tschi lässt besonders Winnetou gegenüber Karl May als unterlegen erscheinen – und gerade das ist er ja nicht. Auch der Boxunterricht passt nicht in das Original-Muster von Karl May, der sich als Schüler Winnetous verstand (zumindest am Anfang) und später einen Freund auf Augenhöhe

Eher lustig, weil an Mays eigene Hochstapeleien erinnernd, ist die Idee mit dem Diplom-Ingenieur – dumm nur, dass es den Titel erst ab 1899 gab ;-) und andererseits die Erschließung des Westens in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts zugrundeliegt. Authentizität als Ziel in allen Ehren, aber dann bitte historisch korrekt. Dieser grobe Schnitzer lässt mich an den  anderen “historich korrekten” Elementen dann auch zweifeln

  • die Situation auf dem Bau
  • die provisorischen Siedlungen
  • die Riten der Indianer usw.

Dabei ist eine solche historische Authentizität bei einem Phantasieprodukt wie Mays Reiseerzählungen andererseits natürlich Blödsinn.

Insgesamt hat man da eine Wild-West-Abenteuer-Geschichte gedreht, die sich bestimmter Namen bedient, mit dem Original aber nichts zu tun hat – und das nur, weil in den 60ern mit Pierre Brice und Lex Barker Ikonen dieses Themas erwuchsen; von dem Mythos wollte man wohl profitieren. Der Rückbezug auf diese alten Filme wird ja regelrecht zelebriert:

  • Musikzitate
  • Mario Adorf, der wieder mitspielt (in einem der beiden folgenden Filme auf Winnetou I)
  • Marie Versini, die ehemalige Nscho-tschi-Darstellerin, die Karl May im Zug vor den ach so gefährlichen Indianern warnt
  • Gojko Mitić, der zu DDR-Zeiten als Indianer die Prärie durchstreifte und später als Winnetou-Darsteller Pierre Brice in Bad Segeberg ablöste

Ob die krude Geschichte ohne die Namen Winnetou und Old Shatterhand funktionieren würde – eher unwahrscheinlich, denn “klasische” Wildwest-Geschichten sind nicht so ganz zeitgeistgemäß. Ich bin also alles andere als überzeugt von diesem Film :-)

Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage IV

Karl MayHalef, Sam und natürlich erst recht Winnetou, sind Gefährten des Ich-Erzählers, die immer wieder auftreten.

Sam und Halef vereinen dabei zwei Funktionen auf sich: Einerseits sind sie ernstzunehmende Freunde, auf die sich die Ich-Figur im Großen und Ganzen verlassen kann – na gut, ihnen passieren gelegentlich Fehler aufgrund von Selbstüberschätzung; dann müssen sie von Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi befreit werden und alles ist wieder in Ordnung. Aber sonst sind sie verlässlich und selbständig

Andere Figuren tauchen nur in einer Geschichte auf, z. B. Old Surehand. Im Grunde ein ernst zu nehmender Westmann, kommen er und Old Shatterhand zuerst in Kon­takt, weil Old Surehand befreit werden muss – er ist in der unterlegenen Position. Der Erzähler schildert eine beeindruckende Persönlichkeit:

Ich hatte bald Licht genug, meinen neuen und berühmten Bekannten zu betrachten.

Da lag er jetzt vor mir, ruhig schlafend, ein wahrer Riese von Gestalt. Seine mäch­tigen Glieder waren ganz in Leder gekleidet, doch so, daß die von der Sonne gebräunte Brust unbedeckt blieb. Sein langes, braunes, seidenweiches Haar lag wie ein Schleier bis auf den Gürtel herab, und selbst im Schlafe, während dessen doch sonst das geistige Leben aus den Zügen zurückgetreten zu sein pflegt, lag auf seinem Gesichte der Ausdruck jener Energie, ohne welche ein guter Westmann undenkbar ist. Grad so, wie ich ihn hier liegen sah, hatte ich ihn mir vorgestellt, allerdings, weil er mir so beschrieben worden war; denn es ist keineswegs richtig, sich jeden namhaften Westläufer als eine solche Figur vorzustellen. Wer das thut – und das geschieht aller­dings sehr häufig -, der fühlt sich dann später, wenn er den Betreffenden zu sehen bekommt, meist sehr enttäuscht. Berühmte Jäger von so riesiger Gestalt habe ich nur zwei gesehen, Old Firehand und Old Surehand. Man macht ja oft die Erfahrung, daß körperliche Hünen ein wahrhaft kindliches Gemüt besitzen und aller Kampfeslust und Kampfesfertigkeit ermangeln, während dürftiger gebaute Menschen sich lieber zerreißen als in die Flucht schlagen lassen. Doch soll dies natürlich keineswegs als Regel gelten. Das Leben im wilden Westen ist der Bildung voller Körperformen nicht günstig, doch schafft es eiserne Muskeln und Sehnen wie der Stahl.

Es war Zeit, die Schläfer zu wecken; ich that es, und als Old Surehand sich aufrich­tete, konnte ich erst richtig sehen, in welcher Harmonie die einzelnen Teile und Glie­der seines Körpers zu einander standen.

Es handelt sich also beim rein Äußerlichen um eine sehr positive Schilderung, sogar schon mit ein paar Interpretationen versehen. Aber letzthin bleibt ein Mensch übrig, der nicht so vollkommen ist, wie Old Shatterhand himself.

Old Surehand Karl May Sascha Schneider

Nein, dieses Deckelbild von Sascha Schneider stellt nicht Old Sure- oder Old Shatterhand dar, sondern einen Engel, kampfbereit und vom allsehenden Auge Gottes überwacht. Solche Illustrationen enstanden später, als Karl May sich dem Edelmenschen verschrieben hatte und von reiner Abenteuerliteratur nicht mehr viel wissen wollte.

Er ist nicht gläubig – ein wichtiges Thema gerade in den Old-Surehand-Bänden und hat an zentralen Stellen nicht den richtigen Durchblick (denken Sie an die Entlarvung des Schurken und der Mutter) – wie alle Gefährten des Erzählers, mögen sie noch so klug und kraftvoll daher kommen. Den Mangel an Glauben nimmt Old Shattterhand ihm zwar nicht übel, aber seine Belehrungen sind nicht so ganz ohne:

Also betet, Mr. Surehand, betet! Aber denkt ja nicht, daß es sofort helfen muß! Betet in Gedanken, in allen Euren Worten und in allen Euren Thaten! Hättet Ihr mehr gebetet, so wäre Euch der Helfer längst erschienen!«

»Das ist viel, sehr viel gesagt, Mr. Shatterhand!«

»Jawohl; aber ich weiß, was ich sage. Ein altes Kirchenlied sagt:

»Mit Sorgen und mit Grämen
Und selbstgemachter Pein
Läßt er sich gar nichts nehmen;
Es muß erbeten sein!«

Jedes Kind sagt dem Vater seine Wünsche; hat nicht auch das Erdenkind dem himmlischen Vater seine Liebe und sein Vertrauen dadurch zu beweisen, daß es von Herzen zu ihm spricht? Wird ein Vater seinem Sohne eine gerechte Bitte abschlagen, die er erfüllen kann? Und steht die Liebe und die Allmacht Gottes nicht unendlich höher als die Liebe und Macht eines Menschen? Glaubt es mir: Wenn der große Wunsch, den Ihr im Herzen tragt, überhaupt zu erfüllen ist, so wäre er schon längst erfüllt, wenn Ihr an Gott geglaubt und zu ihm gebetet hättet!«

»Was wißt Ihr von der Größe meines Wunsches?«

»Ich ahne es.«

»Wieder Ahnung!«

»Pshaw! Ahnungen sind innere Stimmen, auf die ich immer achte. Ihr habt mir damals im Llano estacado gesagt, daß Euch der Glaube an Gott durch unglückliche Ereignisse verloren gegangen sei. Soll ich da nicht ahnen, daß Ihr Euch nach dem Ende dieses Unglücks sehnt?«

»Richtig! Ich dachte, Ihr quältet Euch als Freund in Gedanken damit ab, mir die Ruhe wiederzugeben, welche ich verloren habe!«

»Was würden Euch meine Gedanken helfen? Die wahre Freundschaft bewährt sich durch die That, und wenn Ihr mich in dieser Beziehung einmal braucht, so habt Ihr gar nicht nötig, mich erst darum zu fragen.«

Als Old Surehand dann wieder auf eigene Faust seinem Geheimnis nachjagen will, nimmt er die Andeutungen seines klugen Freundes nicht ernst:

»Hört, Mr. Surehand, Ihr rechnet noch mit denselben Ziffern, mit denen Ihr gerechnet habt, als Ihr Euch von Jefferson-City aus auf den Weg machtet. Inzwischen aber ist manches geschehen, und die Verhältnisse haben sich geändert. Der ›General‹ ist da, und es ist – –«

»Pshaw!« fiel er mir in die Rede. »Den fürchte ich nicht! Was geht der mich überhaupt an?«

»Vielleicht mehr, als Ihr denkt!«

»Gar nichts, ganz und gar nichts, Sir!«

»Nun, ich will mich da nicht mit Euch streiten! Ferner sind die Utahs da.«

»Mir gleich!«

»Und der Medizinmann der Komantschen ist auch da!«

»Der ist mir erst recht gleichgültig!”

Klar, dass der gute Mann bald wieder in einer Klemme hockt und Hilfe benötigt.

Und weil er nicht da ist, entgeht ihm eine sehenswerte Szene. Kolma Puschi sagt:

»Meine Brüder haben mir einen großen Dienst erwiesen; ich danke ihnen! Ich werde mich freuen, sie einmal wiederzusehen.«

»Will mein Bruder Kolma Puschi schon fort?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er.

»Warum will er sich so schnell von uns trennen?«

»Er ist wie der Wind: Er muß dahin gehen, wohin er soll!«

»Ja, er ist wie der Wind, den man wohl kommen fühlt; wenn er aber fort ist, weiß man nicht, wohin er ging. Mein Bruder mag wieder absteigen und noch eine Weile bei uns bleiben, denn ich habe notwendig mit ihm zu sprechen!«

»Mein Bruder Shatterhand mag verzeihen! Ich muß fort!«

»Warum scheut sich Kolma Puschi so vor uns?«

»Kolma Puschi scheut sich vor keinem Menschen; aber das, was seine Aufgabe ist, gebietet ihm, allein zu sein.«

Es war eine Lust für mich, Winnetou in das Gesicht zu sehen. Er ahnte, was ich vorhatte, und freute sich innerlich auf die Wirkungen, welche mein Verhalten hervorbringen mußte.

»Mein roter Bruder braucht sich nicht lange mehr mit dieser Aufgabe abzugeben,« erwiderte ich; »sie ist bald gelöst.«

»Old Shatterhand spricht Worte, welche ich nicht verstehe. Ich werde mich entfernen und sage meinen Brüdern Lebewohl!«

Schon hob er die Hand, um sein Pferd anzutreiben; da sagte ich:

»Kolma Puschi wird nicht fortreiten, sondern hier bleiben!«

»Ich muß fort!« entgegnete er mit aller Bestimmtheit.

»Well, so sage ich nur noch das Wort: Wenn mein B r u d e r Kolma Puschi fort muß, so bitte ich meine S c h w e s t e r Kolma Puschi, daß sie noch hier bei uns bleiben möge!«

Zufällige Informationsbröckchen und wilde Assoziationen haben Old Shatterhand enthüllt, was Old Surehand sucht, wer Kolma Puschi ist und wie Apanatschka da rein passt. Am Ende gibt es eine Familienzusammenführung und die Bösen sind tot.

So sieht "Old Surehands" Anfang in der Handschrift seiens Autors aus

So sieht “Old Surehands” Anfang in der Handschrift seiens Autors aus

Böse gesagt, fungiert der tolle Westmann Old Surehand als Aufgabengeber für den Haupthelden.

Merkwürdigerweise habe ich Karl May den Besserwisser und Allroundkönner Old Shatterhand – oder auch Kara Ben Nemsi – nicht übel genommen, obwohl der ja nun wirklich eine Nervensäge gewesen müsste … Naja , gerade in Old Surehand geißelt er an einer Stelle sich selbst und Winnetou für eine Unachtsamkeit:

Der klügste Mann begeht zuweilen eine Dummheit, und vielleicht grad dann, wenn er alle Veranlassung hat, klug zu sein. So auch wir! Von den andern will ich schweigen, aber daß wir beide, Winnetou und ich, diese Flasche unbeachtet ließen, das war eine geradezu unverzeihliche Nachlässigkeit von uns. Die leeren Konservenbüchsen hatten ja nichts zu sagen; aber die Flasche hätte unsere Aufmerksamkeit erregen müssen. Hätte sich Branntwein drin befunden gehabt, nun, so wäre er eben ausgetrunken und die Flasche dann fortgeworfen worden; aber es war Wasser drin gewesen, Wasser! Man hatte sie also nicht des Brandy wegens, sondern als Wasserflasche mitgenommen, sie als Feldflasche benutzt, welche man füllt und in die Satteltasche schiebt, um da, wo es kein Wasser giebt, seinen Durst löschen zu können. Im wilden Westen ist oder war wenigstens damals eine Flasche eine Seltenheit; sie wurde nicht weggeworfen, sondern aufgehoben. Auch diese hier war nicht weggeworfen, sondern vergessen worden; das hätte uns eigentlich unser kleiner Finger sagen müssen. Wenn der Besitzer, den Verlust bemerkend, umkehrte, um sie zu holen, so mußte er uns entdecken. Das war es, was wir uns hätten denken sollen und woran wir doch nicht dachten. Ich kann mich noch heut über meine damalige Unachtsamkeit ärgern. Die Folgen traten freilich sehr prompt ein!

Stadtbibliothek Köln

Auch hier heißt es wieder: Signatur 22.4. May und Sie bekommen, wenn nicht sie nicht entliehen sind, alle angeschafften Bände aus dem Karl-May-Verlag (bei den Wild-West-Geschichten sind meines Wissens alle da – bei den Münchmeyer-Romanen fehlte da schon mal was ;-) ).

Wer weiß, vielleicht plant RTL ja auch eine Verfilmung dieses Stoffs. Wenn Sie den Film im BR am 6.1.17 verpasst haben sollten, können Sie sich mit diesem Trailer zur Verfilmung von 1965 amüsieren.

Rückblick aufs Lesejahr 2016

Hm, wenn ich meine Liste der rezensierten Bücher für 2016 anschaue, ist da doch ein Schwerpunkt bei den Sachbüchern zu entdecken – 25 Sachbücher gegenüber 20 belletristischen Werken, so sieht’s aus:

sachbuecher-belletristikDas gilt allerdings nur, wenn man die Reihe über die Münchmeyer-Romane als “Nicht neu gelesen” interpretiert … ;-), was großenteils ja auch stimmt.

Wenn man die Sachbücher aufschlüsselt, ergibt sich folgendes Bild:

sachbuecher

Bei der Belletristik sieht es grob eingeteilt so aus:

belletristik

 

 

 

 

Immer gibt es Bücher, die mich mehr beeindruckten als andere.

Meine Favoriten für 2016 sind:

Roman: Herr Müller, die verrückte Katze und Gott

Kinderbuch: Hieronymus von Thé Tjong-Khing

Bei den Sachbüchern habe ich zwei Favoriten, die nicht aus dem Bereich der historischen Werke stammen, was mich selbst erstaunt, denn eigentlich bin ich ein Fan von Geschichte:

Biographie: Brel von Jens Rosteck

Literatur: What matters in Jane Austen von John Mullan

Die Bezauberin von Ghita Gothóni

rp_Bild-Unterhaltung-150x1501111.jpgAm Anfang bin ich über das Titelwort “Bezauberin” gestolpert – Ghita Gothóni setzt offensichtlich auf die Irritation, die durch die ungewohnte Substantivierung entsteht.

Worum geht es? Ein Finne, Erik, der als Übersetzer in Köln lebt (Ghita Gothóni stammt aus Finnland und lebt in Köln ;-) ) reist in seine Heimat, um dort abzuschalten. Eine unglücklich verlaufene Liebesgeschichte seiner Jugend macht den Besuch bei Freunden nicht einfach – er war früher der Partner von Hanna; als sie von ihm schwanger wurde, hat sie das Kind abtreiben lassen und später Kari geheiratet, seinen Freund, der nicht weiß, dass die beiden mal ein Paar waren. Von Kari hat er eine Hütte im Wald gemietet, um dort abzuschalten, resp. in Ruhe zu arbeiten. Spannung liegt in der Luft. Aber nein, Hanna ist nicht (mehr) bezaubernd. Das ist Liisa, eine geheimnsivolle junge Frau, die im Wald, wo Eriks Hütte steht, rumläuft, auf den Felsen meditiert und dort Stimmen hört. Sie fasziniert Erik und nach und nach erfährt er einiges über sie: Sie gilt als beschränkt, schon ihre Mutter und Großmutter waren angeblich geistesgestört. Angeblich ist sie stumm. Sie ist schön und nicht nur Erik fühlt sich von ihr angezogen – Kari offensichtlich auch. Es kommt zu unerklärlichen Vorfällen – Liisa stürzt vom Felsen, das Gartenhaus, in dem sie gelegentlich übernachtet, gerät in Brand. Insgesamt sind die zwischenmenschlichen Beziehungen , sagen wir mal: nicht ganz einfach. Kari fordert Erik beispielsweise auf, sich Hannas sexuell anzunehmen. Dann gibt es noch Karis senile Großmutter, die seit Silvester unter Albträumen leidet und ständig schreit und seine herrschsüchtige Mutter – enstpannte Abendunterhaltung sieht anders aus. Erik findet heraus, dass Liisa weder stumm noch beschränkt ist – ihr Zauber auf ihn verstärkt sich zunehmend.

Ghita Gothóni führt Erik durch ein Labyrinth verschiedener, spannungsgeladener Situationen, deren Sinn sich ihm – und mir als Leserin – erst nach und nach erschließt und gleichzeitig führt sie mich in finnisches Alltagsleben auf dem Lande ein; gut, dörflicher Klatsch ist weltweit verbreitet, aber andere Gebräuche (oder sollte man beim Alkohol von “Missbräuchen” sprechen?) wie zur Sonnwendfeier erlebt Erik als vertraut und unvertraut zugleich; damit ist er ein Mittler zwischen dem Personal des Buchs und der Leserin.

Wie es sich gehört, stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass alles anders ist, als erwartet – und vieles davon ist wirklich unerwartet. Ein echtes Happy-End hat der Roman nicht, birgt aber die Hoffnung auf eins in der Zukunft. Und wer Krimis mag, kann sich auf ein paar Krimielemente freuen. Ein Kommissar wird Eriks Verbündeter, so viel sei verraten.

Morning reflections Turku

In solch einer Landschaft spielt das verwickelte Geschehen – Steve Weaver, Morning reflections Turku, CC BY 2.0

Ghita Gothóni schreibt unkompliziert, teilweise poetisch und emotional kraftvoll – das Buch hat mich durchaus in seinen Bann gezogen.

Ghita Gothóni: Die Bezauberin, Dittrich Verlag, Berlin, 2008, ISBN: 9783937717982

Da der Dittrich-Verlag zur Liste der unabhängigen Verlage zählt, kann bei dieser Rezension auch ein Hinweis auf we read indie nicht schaden ;-)

In der Stadtbibliothek Köln gibt es das Buch auch :-)

Poetica 3 – Lyrikfestival mit Tradition in Köln

rp_Bild-hauptsache-Lyrik-300x2431-150x150111111111111111.jpgSo ist das in Köln: Beim 3. Mal ist es eine Tradition. Und deshalb ist auch das Lyrikfestival Poetica nun eine Kölner Tradition. Es findet vom 9. bis 14.Januar 2017 statt, Orte sind die Zentralbibliothek am Neumarkt, das Depot 2 vom Schauspiel Köln, die Universität und das Wallraff-Richartz-Museum.

Thema dieses Jahr: Die Seele und ihre Sprachen

Die Auftaktveranstaltung mit den Autorinnen der Poetica findet am 9.1.2017 um 18 Uhr in der Aula II der Universität Köln statt.

Das Programm reicht von Veranstaltungen mit Diskussionsanteil über Lesungen bis zu Lehrangeboten für Studierende. Und auf diese Autorinnen und Autoren dürfen Sie sich freuen:

Freunde und Gefährten bei Karl May oder Old Shatterhand und seine Entourage III

Karl MayDie einzige Figur, die bei Karl May dem Ich-Helden Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi annähernd als gleichwertig geschildert wird, ist – na? Klar: Winnetou. Dessen einziges „Manko“ ist sein Heidentum und auch das legt er formal kurz vor seinem Tod ab.

Frühes Auftreten Winnetous

Sie meinen vielleicht, die Schilderung Winnetous in Winnetou I sei dessen erster Auftritt? Ist es nicht.

1875 erschien die Erzäh­lung „Old Firehand“, ein Vorläufer des gleichnamigen Abschnitts in Winnetou II , aber noch mit ganz anderem Charakter. Hier tritt ein uns unvertrauter Winnetou auf – erst mal ohne Beschreibung seines Äußeren, er präsentiert sich selber:

 »Mein bleicher Bruder kennt mich. Er hat mit mir den Lasso um die Hörner des Büffels geworfen und den Bär des Gebirges in der Höhle getödtet; er ist an meiner Seite gestanden gegen die Uebermacht des Arrapahu’s und hat die Mandans im Blute zu meinen Füßen gesehen; er zählte die Scalps an den Wänden meines Wigwams und sieht die Locken meiner Feinde an meinem Gürtel hangen. Winnetou hat seinen Stamm verlassen, um die großen Hütten der Weißen zu sehen, ihre Feuerrosse und ihre Dampfcanoes, von denen ihm der Freund erzählt hat; aber sein Haupt wird von keinem Messer berührt werden!«

Völlig unvertraute Stämme, nicht wahr und ziemlich blutrünstig. Zigarren raucht er auch …

Mit sichtbarer Begierde griff der brave Indianer zu, als ich ihm die Eine derselben [also eine Zigarre, H. B.] hinreichte, und wer die Enthaltsamkeit kennt, welche der Westen einem Jeden auferlegt, der wird ahnen, mit welcher Wonne wir uns dem seltenen Genusse hingaben, ich, die blauen Ringeln mit innigem Behagen ausblasend, Winne­tou aber, den Rauch nach Indianerweise erst hinunterschluckend und dann durch die Nase von sich gebend.

So verging eine geraume Zeit, während welcher kein Wort gewechselt wurde. Schweigsamkeit gehört selbst unter Gefährten zur Haupttugend, und ich beabsichtigte keineswegs, mir durch unzeitige Sprachseligkeit die Freundschaft und Achtung meines Begleiters zu verscherzen.

Der „brave Indianer“ – haben Sie’s gemerkt? Winnetou! (Ja, ich weiß, ein Erstaunen aus der Rückschau …)

Kurz darauf ist Winnetou, obwohl er kurz vorher als Lehrer des Ich-Erzählers bezeichnet wurde, auch mal richtig der Unterlegene, denn er kennt sich mit der Eisenbahn überhaupt noch nicht aus; als sie später auftaucht, hat er regelrecht Angst; hier wird er nun einfach weggeschickt:

Ich mußte über das Thun der Indianer genau unterrichtet sein und bat Winnetou, zu den Pferden zurückzukehren und dort auf mich zu warten. Er konnte mir Nichts nüt­zen, da er die Beschaffenheit der Bahn nicht kannte und fügte sich, wenn auch wider­willig, meinem Verlangen.

Es geht noch weiter: Old Firehand, der kurz darauf auftritt, ist ein Riese mit weißer Haarmähne. Alle drei – Winnetou, Old Firehand und der Ich-Erzähler – haben keine Probleme damit, mal eben 63 Sioux zu töten – auch das ein markanter Unterschied zu den später human auftretenden Helden (in Winnetou II sind es nur noch 30 Gegner …).

Als es darum geht, einen Skalp von einem weißen Verbrecher zu nehmen, den der Ich-Erzähler getötet hat, ist Winnetou keine Sekunde im Zweifel, als er ihm angebo­ten wird und greift zu – andere Ehrbegriffe auch hier (das ist übrigens in den nicht so stark bearbeiteten Fassungen von Winnetou II auch so – ich habe es überprüft).

In einer Nachtwache kostet Winnetou sogar den Grog, den Old Firehand zubereitet. Und am Ende steht der Ich-Erzähler mit der Tochter Old Firehands als anerkanntes Liebespaar da – ja, so was gab es auch …

Der Ich-Erzähler in dieser frühen Geschichte wird nie mit Namen genannt – weder bürgerlichem noch Prärienamen – an Old Shatterhand ist hier noch nicht zu denken, wenngleich dieser von den anderen immer als „junger Mann“  Bezeichnete in gefahrvollen Situationen immer den Durch- und Überblick behält und gern auch mal das Kommando an sich zieht; also ein typisches Verhalten des später so berühmten Westläufers zeigt.

In einer frühen Erzählung von 1878 “Auf der See gefangen” kommt Winnetou ebenfalls vor (ich zitiere aus der Ausgabe “Winnetou und der Detektiv”, herausgegeben und bearbeitet von Walter Hans und Siegfried Augustin):

Sein Gewand war sauber und sichtlich gut gehalten, eine außerordentliche Seltenheit von einem Angehörigen seiner Rasse. Sowohl der Jagdrock als die Leggins waren von weichgegerbtem Büffelkalbleder, in dessen Bereitung die Indianerfrauen Meiste­rinnen sind, höchst sorgfältig gearbeitet und an den Nähten zierlich ausgefranst; die Mocassins waren aus Elennhaut und nicht in fester Fußform, sondern in Binde­stücken gefertigt, was dieser Art von Fußbekleidung neben erhöhter Dauerhaftigkeit auch eine größere Bequemlichkeit verleiht. Die Kopfbedeckung fehlte; an ihrer Stelle war das reiche, dunkle Haar in einen Knoten geschlungen, welcher turbanartig auf dem stolz erhobenen Haupte thronte. Der Sohn der Wildniß hatte verschmäht, seine kühne Stirn zu bedecken.

So weit, so gut: etwas variiert zwar, aber vertraut. Nun aber Winnetous Auftreten:

Nachdem sein dunkles, scharfes Auge mit adlerartigem Blicke über die Gesell­schaft geflogen war, schritt er zu dem Tische, an welchem Dik Platz genommen hatte. Er kam grad zu dem Unrechtesten, denn dieser hatte soeben an die gemordete, einstige Geliebte gedacht und sich auf seinen Grimm besonnen.

»Was willst Du hier bei mir, Rothhaut? Dieser Platz ist mein. Geh’, such Dir einen andern!«

»Der rothe Mann ist müd; sein weißer Bruder wird ihn ruhen lassen!« antwortete der Indianer mit sanfter Stimme.

»Müd’ oder nicht, das bleibt sich gleich. Ich kann Dein rothes Fell nicht leiden!«

»Ich bin nicht Schuld daran; der große Geist hat mir’s gegeben.«

»Von wem Du es hast, das bleibt sich gleich; geh’ fort, ich mag Dich nicht!«

Der Indianer nahm die Büchse von der Schulter, stemmte den Kolben auf den Boden, legte die gekreuzten Arme über die Mündung des Laufes und frug, jetzt ernster werdend.

»Ist mein weißer Bruder der Herr von diesem Hause?«

»Das geht Dich Nichts an.«

»Du hast recht gesagt; es geht mich Nichts an und Dich Nichts, darum darf der rothe Mann grad so sitzen, wie der weiße.«

Er ließ sich nieder. Es lag in der nachdrücklichen Art und Weise, wie er dies sagte, etwas, was den mürischen Trapper imponiren mochte. Er ließ ihn jetzt gewähren.

Der Wirth trat herbei.

»Was willst Du hier in meinem Hause?«

»Gieb mir Brod zu essen und Wasser zu trinken!«

»Hast Du Geld?«

»Wenn Du in mein Wigwam kämst und um Speise bätest, würde ich sie Dir ohne Geld geben. Ich habe Gold und Silber.«

Das Auge des Wirthes blitzte auf. Ein Indianer, der Gold und Silber hat, ist eine willkommene Erscheinung an jedem Orte, wo das verderbliche Feuerwasser zu haben ist. Er ging und kehrte bald mit einem mächtigen Kruge Branntweines zurück, wel­ches er neben dem bestellten Brode vor den Gast setzte.

»Der weiße Mann irrt; solch’ Wasser habe ich nicht begehrt!«

Erstaunt blickte ihn der Wirth an. Er hatte noch niemals einen Indianer gesehen, der dem Geruch des Spiritus hätte zu widerstehen vermocht.

»Was denn für welches?«

»Der rothe Mann trinkt nur das Wasser, welches aus der Erde kommt.«

»So kannst Du hingehen, wo Du hergekommen bist. Ich bin hier, um Geld zu ver­dienen, nicht aber, um Deinen Wasserträger zu machen! Bezahl das Brod und troll Dich fort!«

»Dein rother Bruder wird bezahlen und gehen, doch nicht eher, als bis Du ihm ver­kauft hast, was er noch braucht.«

»Was willst Du noch?«

»Du hast ein Store, wo man kaufen kann?«

»Ja.«

»So gieb mir Tabak, Pulver, Kugeln und Feuerholz.«

»Tabak sollst Du haben; Pulver und Kugeln aber verkaufe ich an keinen Indsman.«

»Warum nicht?«

»Weil sie Euch nicht gehören.«

»Deinen weißen Brüdern aber gehören sie?«

»Das will ich meinen!«

»Wir Alle sind Brüder; wir Alle müssen sterben, wenn wir kein Fleisch schießen können; wir Alle müssen Pulver und Kugeln haben. Gieb mir, um was ich Dich gebe­ten habe!«

So weit können wir ja auch noch folgen: Winnetou lehnt das Feuerwasser ab, äußert sich sanft und verständig. Aber nun:

»Du bekommst sie nicht!«

»Ist dies Dein fester Wille?«

»Mein fester!«

Sofort hatte ihn der Indianer mit der Linken bei der Kehle und zuckte mit der Rechten das blitzende Bowiemesser.

Hm, schon ganz schön aggressiv.

»So sollst Du auch Deinen Brüdern nicht mehr Pulver und Kugeln geben. Der große Geist läßt Dir nur einen einzigen Augenblick noch Zeit. Giebst Du mir, was ich will, oder nicht?«

Die Jäger waren aufgesprungen und machten Miene, sich auf den muthigen Wilden zu stürzen, unter dessen eisernem Griffe sich der Wirth stöhnend wand. Er aber hielt sich rückenfrei und rief, den Kopf stolz emporwerfend, mit dröhnender Stimme:

»Wer wagt es, Winnetou, den Häuptling der Apachen, anzutasten?!«

Ganz schön selbstbewusst, oder?

Das Wort hatte eine überraschende Wirkung.

Kaum war es ausgesprochen, so traten die Angriffsbereiten mit allen Zeichen der Achtung und Ehrerbietung von ihm zurück. Winnetou war ein Name, der selbst dem kühnsten Jäger und Fallensteller Respect einflößen mußte.

Der Indianer war der berühmteste Häuptling der Apachen, deren bekannte Feigheit und Hinterlist ihnen früher unter ihren Feinden den Schimpfnamen »Pimo« zugezo­gen hatte; doch seit er zum Anführer seines Stammes gewählt worden war, hatten sich die Feiglinge nach und nach in die geschicktesten Jäger und verwegensten Krieger verwandelt; ihr Name wurde gefürchtet weit über den Kamm des Gebirges herüber, ihre muthigen Unternehmungen waren stets vom besten Erfolge begleitet, obgleich sie nur in geringer Männerzahl und mitten durch feindliches Gebiet hindurch ihre Streifzüge bis in den fernen Osten hinein ausdehnten, und es gab eine Zeit, in welcher an jedem Lagerfeuer und im kleinsten Boarraume ebensowohl wie im Salon des feinsten Hotels Winnetou mit seinen Apachen den stehenden Gegenstand der Unter­haltung bildete. Jedermann wußte, daß er schon öfters ganz allein und ohne alle Begleitung außer derjenigen seiner Waffen über den Missisippi herübergekommen war, um die »Dörfer und Hütten der Bleichgesichter« zu sehen und mit dem »großen Vater der Weißen«, dem Präsidenten in Washington zu sprechen. Er war der einzige Häuptling der noch ununterjochten Stämme, welcher den Weißen nicht übel wollte, und es ging die Rede, daß er sogar ein sehr enges Freundschaftsbündnis mit Fire-gun, dem berühmtesten Trapper und Pfadfinder des Westens geschlossen habe.

Die meisten, die die Karl-May-Bücher aus dem Karl-MayVerlag gelesen haben, erkennen diese Illustration wieder

Die meisten, die die Karl-May-Bücher aus dem Karl-May-Verlag gelesen haben, erkennen diese Illustration wieder

Die frühen Geschichten aus dem Wilden Westen waren also bei weitem “wilder” als die späteren Reiseerzählungen.

1878 erscheint eine Erzählung mit dem Titel „Winnetou“ – sie ist aber nur die Bearbeitung eines Textes von 1875, die unter dem Titel „In-nu-wo“ erschienen war; die Geschichte entspricht dem Anfang von „Der Ölprinz“ – die Fahrt mit einem Flussschiff, auf dem ein Raubtier aus einer Menagerie die Tochter eines Yankees ge­fährdet und von einem Indianer gerettet wird. Interessant ist hier die Altersangabe und Personenbeschreibung:

Er schien im Anfange der fünfziger Jahre zu stehen; seine nicht zu hohe Gestalt war von ungewöhnlich kräftigem und gedrungenem Bau, und insbesondere zeigte die Brust eine Breite, die einen hoch aufgeschossenen und langhalsigen Yankee in die respectvollste Bewunderung zu setzen vermochte. Der Aufenthalt im civilisirten Os­ten hatte ihn genöthigt, eine dort weniger auffällige Kleidung anzulegen, aber das dichte, dunkle Haar hing ihm in langen, schlichten Strähnen bis weit über die Schul­tern herab, im Gürtel trug er ein Bowiemesser nebst Kugel= und Pulverbeutel, und aus dem Regentuche, welches er malerisch um die Achsel geschlungen hatte, sah der verrostete Lauf einer Büchse hervor, die vielleicht schon manchem »Westmanne« das letzte Valet gegeben hatte.

Nix Silberbüchse, nix kaukasische Gesichtszüge. May hat einfach die Beschreibung des vorherigen Titelhelden beibehalten … Ein bisschen nachlässig, könnte man meinen. Nur im Schluss variiert May ein bisschen und nimmt Bezug auf die enge Beziehung, die er einst mit Winnetou haben wird.

 Spätere Auftritte Winnetous

In „Der Sohn des Bärenjägers“ von 1887 sind als erstes Winnetous Mokassins zu sehen, dann folgt die Beschreibung, die wir im Grunde alle kennen:

Bis auf die Mokassins trug Winnetou also dieses Outfint, ind em sich Karl May als Old Shatterhand abbilden ließ

Bis auf die Mokassins trug Winnetou also dieses Outfint, ind em sich Karl May als Old Shatterhand abbilden ließ

Er war ganz genau so gekleidet wie Old Shatterhand, nur daß er anstatt der hohen Stiefel Moccassins trug. Auch eine Kopfbedeckung hatte er nicht. Sein, langes, dich­tes, schwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder schmückte diese indianische Frisur. Dieser Mann bedurfte keines solchen Zeichens, um als Häuptling erkannt und geehrt zu werden. Wer nur einen Blick auf ihn richtete, der hatte sofort die Ueberzeu­gung, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Um den Hals trug er den Medizin­beutel, die Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Bärenkrallen, Trophäen, wel­che er sich selbst mit Lebensgefahr erkämpft hatte. In der Hand hielt er ein doppel­läufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Dies war die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals ihr Ziel verfehlte. Der Ausdruck seines ernsten, männlich-schönen Gesichtes war fast römisch zu nennen; die Backen­knochen standen kaum merklich vor, und die Hautfarbe war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.

Das war Winnetou, der Apachenhäuptling, der herrlichste der Indianer. Sein Name lebte in jeder Blockhütte und an jedem Lagerfeuer. Gerecht, klug, treu, tapfer bis zur Verwegenheit, ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, gleich­viel ob sie rot oder weiß von Farbe waren, so war er bekannt über die ganze Länge und Breite der Vereinigten Staaten und deren Grenzen hinaus.

Dagegen ist der erste Auftritt in Winnetou I 1893 regelrecht mager; die Silberbüch­se gehörte da noch Intschu-tschuna:

Der Jüngere war genau so gekleidet wie sein Vater, nur daß sein Anzug zierlicher gefertigt worden war. Seine Mokassins waren mit Stachelschweinsborsten und die Nähte seiner Leggins und des Jagdrockes mit feinen, roten Nähten geschmückt. Auch er trug den Medizinbeutel am Halse und das Kalumet dazu. Seine Bewaffnung bestand wie bei seinem Vater aus einem Messer und einem Doppelgewehre. Auch er trug den Kopf unbedeckt und hatte das Haar zu einem Schopfe aufgewunden, aber ohne es mit einer Feder zu schmücken. Es war so lang, daß es dann noch reich und schwer auf den Rücken niederfiel. Gewiß hätte ihn manche Dame um dieses herrliche, blauschimmernde Haar beneidet. Sein Gesicht war fast noch edler als dasjenige seines Vaters und die Farbe desselben ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Er stand, wie ich jetzt erriet und später dann erfuhr, mit mir in gleichem Alter und machte gleich heut, wo ich ihn zum erstenmal erblickte, einen tiefen Eindruck auf mich. Ich fühlte, daß er ein guter Mensch sei und außerordentliche Begabung besitzen müsse. Wir betrachteten einander mit einem langen, forschenden Blicke, und dann glaubte ich, zu bemerken, daß in seinem ernsten, dunklen Auge, welches einen sammetartigen Glanz besaß, für einen kurzen Augenblick ein freundliches Licht aufglänzte, wie ein Gruß, den die Sonne durch eine Wolkenöffnung auf die Erde sendet.

Übrigens erschienen die Winnetou-Bände bis ins 20. Jahrhundert mit dem Untertitel „Der rote Gentleman“. Erst Mays Hinwendung zum Thema seines Alterswerks führte dazu, dass der Zusatz wegfiel. Am Anfang wollte er eben „nur“ Abenteuergeschich­ten schreiben – die Einbindung in einen eigenen Kosmos mit ihm als Mittelpunkt entwickelte sich erst später. Und noch später dann die Entwicklung des Menschen hin zum Edelmenschen, deren berühmtester Vertreter dann eben Winnetou war.

An den Weihnachtsfeiertagen konnten Sie ja den neuen Winnetou bei RTL sehen :-) – welche Beschreibung schlug da denn durch?

Nächste Woche geht es weiter mit Old Surehand, einem Helden mit Macken – nach Karl Mays bzw. Old Shatterhands Sicht.

Winnetou in der Stadtbibliothek Köln

Unter der Signatur 22.4 May finden sich in der Kinderbücherei die klassischen Bände aus dem Karl-May-Verlag. Es gibt auch jede Menge Audio-Medien unter dieser Signatur (u. a. eine neue Reihe, die erst 2016 erschienen ist).

Unter der Signatur 22.3. May gibt es u. a. auch eine neu erzählte Version der Winnteou-Geschichte als Comic.

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch

Liebe Blogleserinnen und -Leser,

ich wünsche Ihnen allen frohe Weihnachten und für 2017 ein gutes und friedvolles Jahr.

Verkündigungsengel einer afrikanischen Krippe

Verkündigungsengel einer afrikanischen Krippe

Hier ist jetzt bis Anfang Januar Pause. Ich freue mich auf ein Wiederlesen im neuen Jahr.

Ihre Heike Baller

Gedicht zum Tag – Vorfreude auf Weihnachten von Joachim Ringelnatz

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Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.

Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,
Dann blüht er Flämmchen.
Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –

Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,
Wird dann doch gütig lächeln.

Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes
Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –
Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.

Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.

Joachim Ringelnatz